Montag, 7. Januar 2013

Doppelter Standard bei Antisemitismusvorwürfen

Nun hat Deutschland wieder eine Antisemitismus-Debatte. Nach Möllemann im Jahre 2002 und Hohmann im Jahre 2003 hat es in diesen Tagen Jakob Augstein erwischt.

Möllemann hat auf sich aufmerksam gemacht, weil er sich für die palästinensische Sache eingesetzt hat und infolgedessen gleich in mehrere Fettnäpfchen getreten ist, u. a. hat er Michel Friedman vorgeworfen, er befördere mit seinen vorschnellen Antisemitismusvorwürfen den Antisemitismus. Das wurde von der Mehrheit der öffentlichen Meinung als klassisch antisemitsch abgestempelt.

Hohmann hat vom jüdischen Tätervolk fantasiert. Er meinte nicht Israel, sondern die paar Juden, die bei der Oktoberrevolution vorne mit dabei waren, z. B. Trotzki. Es war ziemlich dumm, weil es jeder Logik entbehrte. Er wollte herleiten, dass man das deutsche Volk nicht als Tätervolk bezeichnen könne, nur weil ein paar Juden bei den Bolschewiki mit den Ton angaben, die Juden man aber nicht als Tätervolk bezeichnet. Der machte nicht den Unterschied, dass Hitler von Deutschen gewählt und von Deutschen unterstützt wurde. In jeder verantwortlichen Position saß ein Deutscher (bzw. Österreicher) und jeder Gefreite war Deutscher. Die Verbrechen wurden mehrheitlich von Deutschen, im Namen der Deutschen für das Deutsche Reich begangen. Dass Hohmann das übersehen hat, zeichnet ihn als riesengroßen Dummkopf aus. Hohmanns Karriere war ab seiner Tätervolk-Hypothese am Ende.

Waren Möllemann und Hohmann Antisemiten? Mit großer Wahrscheinlichkeit gehörten sie der großen Gruppe gemäßigter, latenter Antisemiten an. Weder Möllemann noch Hohmann ist dadurch aufgefallen, sämtliche Register zu ziehen, die sonstige "Israelkritiker" (Euphemismus für Antisemiten) draufhaben, die da unter anderem wären: jüdische Lobby in den USA, jüdisches Finanzkapital, Israel profitiere vom Unglück in den arabischen Ländern. Es ist auch schwierig zu zeigen, dass Möllemann und Hohmann die drei Ds des Antisemismus erfüllten: doppelter Standard, Dämonisierung, Delegimitierung des israelischen Staates. Das heißt nicht, dass sie besonders besonders geschickt waren, ihren Antisemitismus zu verbergen, sondern zeigt eher einen schwach ausgesprägten Antisemitismus. In was war Hohmann denn geschickt? Er war rhetorisch und intellektuell ein ziemlicher Tölpel.

Bei Augstein liegt der Fall anders. Er zieht munter alle Register der "Israelkritik", er glaubt ernsthaft, Israel hätte ein Interesse daran, dass Araber Araber massakrieren wie zur Zeit in Syrien. Augstein schlägt eine Kapriole von den Republikanern in den USA über die jüdischen Lobbys hin zu Israel und den Nahostkonflikten. Meiner Einschätzung nach ist Augstein im Vergleich zu Möllemann und Hohmann der härtere Antisemit.

Doch erstaunt mich die Reaktion der Öffentlichkeit. Fast alle Tageszeitungen nehmen Augstein in Schutz, sogar der von mir geschätzte Jan Fleischhauer nimmt ihn in Schutz und sogar der Zentralrat der Juden. Woran liegt das? Liegt es an Augsteins feinem Benehmen und seiner linken Gesinnung? Meiner Meinung nach ja. Augstein ist der typische Salonlinke, ein Gutmensch. Unter Journalisten gibt es nicht wenige seiner Sorte: Über 33 % der deutschen Journalisten wählen die Grünen, über 20 % die SPD. CDU/CSU und FDP haben zusammen nicht einmal 15 % der Journalisten hinter sich. Ich glaube, in vielen Redaktionsstuben ist es vielen Menschen einfach nur peinlich, dass einer von ihnen in der Kritik steht und damit sie selbst. Wer Augstein kritisiert, kritisiert den typisch links-grün-alternativen Journalisten. Nicht alle von denen will ich Antisemitismus unterstellen, aber es kommt doch nicht von ungefähr, dass der deutsche Journalismus über jede israelische Bombe berichtet, aber kaum darüber, dass die Hamas ständig ihre Selbstmordattentäter und Raketen schickt, das eigene Volk unterdrückt und Israels Vorgehen eine Reaktion ist. Was glauben die "Israelkritiker" denn, wie Israel vorgehen soll? Mit Sitzblockaden und Lichterketten?

Ich frage mich häufiger, ob die Verteidiger Augsteins seine Artikel überhaupt gelesen haben. Ich lese nun über ein Jahr seine Kolumne bei Spiegel Online, gerade wegen der wirtschafts- und finanzpolitischen Themen. Augstein hat sich bei diesen Themen als Wirrkopf erwiesen und bei seinen Kommentaren zum Nahostkonflikt als Antisemit.


Kommentare:

  1. Augsteins Kolumne habe ich ein paar Mal gelesen. Das meiste ist eine wirre Aneinanderreihung von Assoziationen ohne tiefere Analyse. Seinen Antisemitismus mit den von Hohmann und Möllemann zu vergleichen trifft genau ins Schwarze.
    Was ich an den Vorgang so beunruhigend finde, ist das viel zu Augstein sagen "eigentlich hat er ja recht". Den Meisten fällt gar nicht auf, wie ungeheuerlich seine Vorwürfe eigentlich sind. Ihm spielt dabei seine mangelnde Präzision in die Hände, er sagt nicht deutlich was er denkt, sondern spielt nur darauf an. Die meisten lesen da wahrscheinlich einfach rein, was sie auch denken und man kann eben auch antisemitische Gedanken wunderbar in Augsteins Texte hineinlesen.

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  2. Wie recht Sie haben!

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