Freitag, 30. Mai 2014

Wo beginnt Verantwortung?

Gestern las ich auf Spiegel Online einen Artikel, der von meiner Seite nicht unkommentiert sein darf. Leider gibt es keinen Diskussionsstrang bei SPON dazu. Es geht mal wieder um Zwangsarbeiter in der DDR.

Ich bin der Letzte, der das DDR-Regime verteidigt. Aber: Nicht jeder Häftling in DDR-Gefängnissen war ein politischer Häftling. Es gab in der DDR auch jene Verbrechen, die überall auf der Welt geahndet und entsprechend sanktioniert werden: Diebstahl, Totschlag, Mord, Betrug, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Körperverletzung usw. Außerdem lässt jedes Land seine Häftlinge arbeiten. Bekannterweise wird Hoeneß auch in einer Gefängniswerkstatt rödeln müssen.

"Wir können jetzt erstmals belegen, dass die Deutsche Reichsbahn zwischen 1951 und 1989 von der Zwangsarbeit politischer Gefangener in erheblichem Maße profitiert hat", sagte der Leiter des Forschungsprojekts, Christian Sachse, dem Magazin. "Die Zwangsarbeiter wurden zu physisch schweren und gesundheitsgefährdenden Arbeiten eingesetzt und dabei so schlecht entlohnt, dass man nur von Ausbeutung sprechen kann."
Nun erwähnt Christian Sachse explizit politische Gefangene. Außerdem erwähnt er die riskante, schwere körperliche Arbeit und die geringe Bezahlung. Das darf wirklich nicht sein. Aber sehr schwere Arbeit unter Zwang bei schlechter Entlohnung wäre aber auch dann ein Skandal, wenn sie ein Kinderschänder aushalten müsste.

Natürlich sind die Politiker von heute schnell dabei, die Deutsche Bahn anzuklagen. Hat die Deutsche Bahn denn direkt profitiert? Es war die DDR-Reichsbahn, ein DDR-eigenes Unternehmen, das 1994 in die gesamtdeutsche Deutsche Bahn AG aufging. Man muss es dem Unternehmen hoch anrechnen, dass sie sich ihrer Geschichte (nicht Verantwortung) stellen (so z. B. die Rolle der Reichsbahn beim Holokaust) und nicht den Dialog verweigern. Aber wie soll man bitteschön darauf reagieren, wenn Rainer Wagner (CDU) der Bahn vorwirft, sie verschanze sich hinter einer Schutzbehauptung?
Sie wolle sich vor ihrer moralischen Verantwortung drücken.
Moralische Verantwortung? Nun hat weder die Deutsche Bahn AG noch die Reichsbahn diese Zwangarbeit angewiesen und schon gar keine politischen Häftlinge gemacht. Das war der Staat DDR, Hauptverantwortliche waren Stasi-Offiziere und Politiker. Die Nachfolgeorganisation der SED sitzt heute noch im Bundestag. Wo bleibt die moralische Verantwortung der Politiker? Warum bekommen Stasi-Offiziere hohe Renten, weil sie ja "jahrelang eingezahlt" hätten, während ihre malträtierten Opfer mit ihren gebrochenen Erwerbsbiographien den Nachweis von "Lebensleistung" nicht erbringen konnten? Der Bundestag hätte schon längst Opferrenten aufstocken und Täterrenten schmälern können. Aber schon die Witwe von Richter Freisler bekam eine üppige Pension, während man Jahrzehnte wartete, bis sich die Forderungen der Opfer biologisch in Luft auflösten. Das Verhalten der Politiker bleibt gleich: Attentismus üben und irgendwann gibt man sich großzügig gegenüber Opfern und zwar dann, wenn es wenig kostet. Die Zwangsarbeiter im Dritten Reichen mussten über 50 Jahre warten, bis es mal so etwas wie eine Zwangsarbeiterrente gab.

Die Diskussion um Zwangsarbeiter empfand ich schon bei der Ikea-Diskussion dermaßen verlogen. Die Zwangsarbeiter eines kommunistischen Regimes wurden ein zweites Mal missbraucht: Als Vorwand, ein westliches Unternehmen anzuklagen.  Wie perfide. Die Hauptverantwortlichen wurden auch bei der damaligen Diskussion wenig angegriffen. Hätten die Häftlinge der DDR Zwangsarbeit für die heimische Wirtschaft leisten müssen, keiner dieser linken Moralisten würde heute seine Stimme erheben.



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