Sonntag, 17. August 2014

Buchempfehlung: "Schnelles Denken, langsames Denken"

Heute möchte ich ein Buch des Nobelpreisträgers für Wirtschaft Daniel Kahneman vorstellen. Ich kam zu dem Buch durch eine anonyme Empfehlung im SPON-Forum. Ich bin daraufhin zur Bibliothek geeilt und habe es mir ausgeliehen.

Kahneman ist Psychologe und untersucht, wie es zu Entscheidungen kommt. Sein Modell basiert auf zwei Systemen: Auf System I und auf System II, auf ein System für schnelles Denken und eines für langsames Denken. Diese Systeme waren auch titelgebend für das Buch: Schnelles Denken, langsames Denken.

Im Buch wird untersucht, welches System wann den Entscheidungsprozess bestimmt. System I ("schnelles Denken", automatisiert, auf Intuition basierend) verlangt weniger Ressourcen und führt zu raschen Entscheidungen. Das kann wichtig sein, z. B. im Straßenverkehr, wo schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen. System II ("langsames Denken") ist häufig unausweichlich (z. B. beim Rechnen), aber es wird zu häufig darauf verzichtet. Kahneman zeigt auf, dass man durch System-II-Entscheidungen häufig zu besseren Ergebnissen kommt, aber dass es eine Feindseligkeit dagegen gibt.

Gut gefällt mir das Beispiel mit dem Apgar-Score. Dabei geht es um eine schnelle Beurteilung des Zustandes von Neugeborenen. Der Test geht schnell, ist standardisiert und führt zu einer soliden Entscheidung, ob man kurzfristige Maßnahmen ergreifen muss und welche. Dieser Test soll das Leben vieler Neugeborener gerettet haben. Aber der Apgar-Score hatte es bei seiner Einführung nicht leicht, weil er viele Experten, die vor allem auf ihre Intuition (System I) vertrauten, düpierte.

Kahneman schreibt: "Die statistische Methode[...] werde von erfahrenen Klinikern als 'mechanisch, atomistisch, additiv, schablonenhaft, künstlich, unwirklich, willkürlich, unvollständig, tot, pedantisch, zersplittert, trivial, gezwungen, statisch, oberflächlich, starr, steril, akademisch, pseudowissenschaftlich und blind' kritisiert." - Mir kommt das allzu bekannt vor. Mich erinnert das einerseits an Paul Kirchhoffs Steuermodell das mit derartigen Ressentiments ("Professor aus Heidelberg") abgewehrt wurde, aber andererseits auch an konkrete Situationen bei der Arbeit.

Nun hat Kahneman den Nobelpreis für Ökonomie erhalten. Was hat das mit Ökonomie zu tun? Ganz einfach: In der Wirtschaft werden ständig Entscheidungen getroffen, häufig nach System I, häufig irrational. Einerseits geht er auf die Entscheidungen von Unternehmenslenkern ein, die häufig von System I gesteuert sind, obwohl man von Managern erwarten sollte, dass sie sich stärker in Griff haben sollten. Auch Fonds-Manager und Aktionäre bekommen ihr Fett weg, da sie häufig glauben, überdurchschnittlich gute Entscheidungen zu treffen. Kahneman behandelt auch die Thematik, wie man System I mithilfe von Priming und Framing manipulieren kann. System II ist dafür nicht anfällig.

Die Quintessenz für mich ist jedenfalls, häufiger Entscheidungen auf Basis von System II zu treffen. Ich habe durch das Buch eine neue Sichtweise, sehe es aber auch als Bestätigung dessen, wie ich mein Leben bislang geführt und wie ich bislang Entscheidungen getroffen habe. Ich kann natürlich nicht von mir weisen, dass System I auch bei mir häufig entscheidungsträchtig ist, aber ich war schon immer jemand, der sich nicht scheute, nachzudenken. Schnellschüsse waren nie meine Sache. System II war mir schon immer lieber.

Beim Schreiben dieser Rezension erinnere ich mich auch daran, wie ich ein Gesellschaftsspiel gewann. Es war eine Kombination aus Würfelspiel und Quiz. Es war ein "DDR-Quiz" und häufig wurde Fragen gestellt, die wir jungen Leute niemals beantworten konnten. (Wann wurde Trabant XY eingeführt? 1955, 1956, 1958 oder 1959?) Das Spiel ging schleppend voran. Die Mitspieler und ich hatten unterdurchschnittliche Trefferquote. Man hätte beim Raten mit 1/4 richtiger Antworten rechnen müssen. Wir waren darunter.

Ich hatte für mich festgestellt, dass ich die Frage häufig nicht aufgrund meines Wissen beantworten konnte. Ich wusste, ich konnte häufig Antworten aufgrund meines Wissens ausschließen und kam auf die Idee, bei unsicheren Entscheidungen mein System I (den Begriff kannte ich damals nicht) auszuschalten. Ich nutzte den Würfel. Also würfelte ich eine aus vier oder aus drei oder aus zwei Antworten aus, je nachdem wie viel ich hundertprozentig ausschließen konnte. Die Mitspieler belächelten mich anfangs, aber ich zog mit meiner Spielfigur davon, weil ich häufiger mit meinen Antworten richtig lag. Irgendwann hängten die sich dran und setzten immer auf die Antwort, die ich für mich auswürfelte. Dann ging es bei ihnen auch vorwärts, aber ich war ja schon unaufholbar in Führung und gewann letztendlich das Spiel. Mir war auch klar, dass bei solchen Quiz-Fragen die falschen Antworten auch bewusst manipulieren sollen. Und bei Jahreszahlen oder Zahlen überhaupt war mir bewusst, dass Menschen unbewusst bestimmte Zahlen bevorzugen. Ein gutes Beispiel mag sein, jemand möge eine zufällige Zahl zwischen und 1 und 10 nennen. Wenn man das Experiment häufig genug wiederholt, wird man wahrscheinlich keine Gleichverteilung feststellen, sondern eine Bevorzugung von "krummen" Zahlen, also ungeraden Zahlen, weniger Minimal- und Maximalwerte (1 und 10 seltener), dafür aber häufiger Primzahlen.

Ich war schon immer jemand, der sich gerne mit Stochastik beschäftigt. Stochastische Methoden sind mir nicht unbekannt und ich kann sie auch praktisch anwenden (wie z. B. beim Quiz). Auch ziehe ich daraus Vorteile in meiner Arbeit als Informatiker, wenn ich Algorithmen entwickle. In der Informatik gibt's auch das recht interessante Teilgebiet der Approximationsalgorithmen, wo viel mit stochastischen Kalkül gearbeitet wird.

Dieses Buch beschäftigt sich auch viel mit Stochastik und Statistik, was mir entgegenkam, es wird aber nicht viel Wissen vorausgesetzt. Mit Begriffen wie Mittelwert und Erwartungswert sollte man schon umgehen können. Ich kann das Buch jeden empfehlen, der Entscheidungen treffen muss und der sich selbst verbessern möchte. Ich habe während des Lesen häufig über mich und mein Verhalten in dieser oder jener Situation nachdenken müssen. Genauso musste ich an Kollegen denken, bei denen häufiger System I durchschlägt. Ein Kollege von mir gibt ja häufig von sich, dass er "keiner Statistik traue, die er nicht selbst gefälscht habe". - Mit dieser Floskel (aus dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda¹ ²) gewinnt er bei mir nicht gerade einen Blumentopf, weil es ein Totschlagargument ist und die indirekte Offenbarung, System II nicht benutzen zu wollen. Natürlich kann man mit Statistiken manipulieren (Politik, Gesundheitsbranche und Versicherungswirtschaft machen es täglich vor), aber das hindert niemanden daran, Statistiken mit Sachverstand zu analysieren und gegebenenfalls zu nutzen. Es macht aber mehr Arbeit als das Absondern einer Phrase, was der eigentliche Grund ist, warum solche Totschlagargumente gerne gebraucht werden. Auch verwechselt er Stochastik mit Statistik. Auch bildet er sich viel auf seine Intuition ein. Für ihn wäre das Buch sicherlich ein gutes Geschenk und brächte Gewinn, wenn er beim Lesen des Buches über sich selbst nachdächte und seine Denk- und Arbeitsweise änderte.

Ich kann es nur empfehlen und die Lektüre war unterhaltsam und lehrreich. Die Hardcover-Version kostet 26,99 €:





¹ Das mag vielleicht der Grund sein, warum gerade wir Deutschen derartig mit der Stochastik oder Statistik oder der Mathematik im Allgemeinen auf Kriegsfuß stehen. Interessant ist daher auch die "Kunst des unsachlichen Argumentierens" von Vince Ebert, insbesondere Punkt 3.
² Übrigens ist dies ein eindrucksvolles Beispiel für die Kunst des Primings, immerhin habe ich mit dem Verweis auf den Nationalsozialismus jemanden diskreditiert und der Leser wird keine hohe Meinung mehr über meinen Kollegen entwickeln können. Es deutet aber alles darauf hin, dass das vermeintliche Churchill-Zitat deutsche Kriegspropaganda ist, insofern ist es keine Lüge.

Kommentare:

  1. Ich muss ihrem Kollegen leider zustimmen. Im Rahmen meines VWL-Studiums wurden wir glücklicherweise darüber aufgeklärt, wie und von wem Statistiken verfälscht werden. Gerade im Wirtschaftsbereich ist Statistiken kaum zu glauben, etwa bei der Inflationsberechnung seit der Einführung des hedonischen Preisindex, der Arbeitslosenquote, in der Arbeitslose ab 58 Jahre nicht mehr auftauchen oder dem Wirtschaftswachstum, in den technologischer Fortschritt, nicht aber geplante Obsolenz etc. eingerechnet wird.

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    1. Dass Statistiken ge-/verfälscht sind kann man natürlich immer sagen, weil sie nur einen Ausschnitt der Realität darstellen können. Deshalb muss im Prinzip immer eine Abgrenzung vorgenommen werden. Die Frage ist, ob dies vorsätzlich zu Zwecke der Manipulation gemacht wird bzw. ob eine saubere Defintion der Abgrenzung vorgenommen wird.
      Nach meiner Erfahrung sind amtliche Statistiken ziemlich zuverlässig.

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    2. Dass man mit Statistiken manipulieren kann, stelle ich doch gar nicht in Abrede. Ich bin auch ein Fan der "Unstatistik des Monats", denn da in den Medien werden falsch interpretierte Statistiken kritisiert. Ich bin selbst recht wachsam und erkenne schon bei der Veröffentlichung z. B. bei SPON, dass das Chancen auf die "Unstatistik des Monats" hat. :-)

      ein Kollege lehnt aber Statistiken pauschal ab und das kritisiere ich. Er scheint nicht mal den Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik zu kennen. Wenn ich versuche, mit ihm über eine Problemstellung zu reden und ich von einer Fehlerwahrscheinlichkeit rede, dann kommt sein Statistik-Zitat. Das nervt gewaltig, denn wir müssen Wahrscheinlichkeiten untersuchen. Wir haben Systemanwender, die Fehler machen können. Wir haben Geräte, die ausfallen können. Es gibt Waren, die aufgrund von Mängeln nicht ausgeliefert werden können. Das müssen wir untersuchen und die Software entsprechend entwickeln.

      Manchmal braucht man nicht einmal eine gute Statistik als Datenbasis. Manchmal reicht eine einfache stochastische Überlegung. Sollte man 100 LEDs in Reihe schalten? Die Ausfallwahrscheinlichkeit des ganzen System ist dann q(p) = 1-(1-p)^100, wenn p die Ausfallwahrscheinlichkeit einer LED ist. q(0,01) = 0,63; q(0,001) = 0,095 usw. Das Ergebnis eines Gedankenexperiments kann dann sein, dass man sich für eine bestimmte Lösung und gegen eine andere Lösung entscheidet.

      Das Beispiel ist noch einfach und bei vielen reicht die Erfahrung und die Intuition aus, um zu erkennen, dass Reihenschaltung nicht gut ist, aber bei komplexeren Problemstellungen sollte man dazu hingehen, schärfer nachzudenken. Meinem Kollegen werfe ich vor, dass er es sich zu einfach macht. Ich bin ja ohnehin jemand, der eher nachdenkt. :-)

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  2. Das mit dem "schnell" und "langsam" Denken kann ich nur bestätigen, ist vor allem bem Aktienkauf und -verkauf wichtig. Geht mir immer wieder so das ich einen Schnellschuß setzen will, dann besinne ich mich wieder und überdenke meine Gründe nochmal. Blöd ist nur wenn man verkauft weil die Zahlen schlecht sind, der Markt aber die Aktie einfach mal 25 % steigen läßt ohne ersichtlichen Grund.
    Darum denk ich immer wieder an die Buy and Hold Strategie, wobei man sich an die natürlich nicht bis zum erbrechen halten sollte!

    Beim lesen dachte ich mir übrigens: "Super, mal was unpolitisches."
    Und dann muss ich den Verweis auf Vinc Ebert und "Die Achse des Guten lesen"
    Hab den Link auch gleich geklickt ( bin wohl masochistisch veranlagt), und konnte zum Schluß doch über dieses Kommentar schmunzeln:

    George Urbanski 14.08.2014

    Glückwunsch, Herr Ebert, Sie haben nahezu perfekt die Masche der meisten Achse-Autoren und -Kommentatoren analysiert. Solch eine Selbstkritik hätte ich hier nicht für möglich gehalten.
    Beste Grüße
    George Urbanski


    Gruß Mathias

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  3. Ich habe ein "Ruhe bewahren! Erst nachdenken!" - Schild über meinem Schreibtisch zu hängen, das mich immer daran erinnern soll, lieber rationale Entscheidungen zu treffen.

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  4. Statistiken an sich sind sehr sinnvoll, wenn ihre Daten richtig erhoben und aufgearbeitet wurden. Leider nehmen Politiker auf amtliche Statistiken Einfluss und machen sie dadurch wertlos. Außerdem beruhen viele Statistiken auf fragwürdigen Annahmen.

    Gerade in Bezug auf den Aktienmarkt sind sie aber hilfreich. Wenn man sich die Entwicklung des Dax von 1960 bis 1980 und die Entwicklung des japanischen Nikkei seit 1990 anschaut, sieht man schnell, das Aktien auch über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren unter Umständen eine schlechte Anlage sind. Das gilt zwar nicht immer, Dax und Dow Jones haben sich ja seit 1990 gut entwickelt. Man sieht aber dadurch, dass Aktien nicht immer die beste Anlagemöglichkeit sind.

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