Sonntag, 9. November 2014

Gedanken zu Wolf Biermanns Auftritt

Am Freitag vernahm ich mit Überraschung und Freude, dass der von mir geschätzte Wolf Biermann im Bundestag ein kleines Ständchen gab. Interessanter fand ich, was er gesagt hat. Noch interessanter fand ich die Reaktionen.

Seine Einschätzung zur SED/PDS/Linken teile ich voll und ganz, außer in einem Punkte. Er sagt, sie sei schon längst geschlagen. Angesichts der Reaktionen, die ich im Netz dazu lese, ist dies eben nicht der Fall.

Biermann wird immer wieder beleidigt. Ich glaube kaum, dass das alles alte Stasi-Ratten sein können. Wer weiß, ob die überhaupt einen Computer bedienen können. Mich dünkt, dass da viele junge Leute am Werke sind. Die Drachenbrut ist recht jung und vital, so scheint es mir. Immer wieder lese ich, dass diese Linkspartei personell schon ganz anders zusammengesetzt wäre als die SED. So hat man aber schon vor über zehn Jahren über die PDS geschwätzt. Das spielt aber die geringste Rolle bei der Bewertung der SED-Nachfolgepartei.

Und dass es Leute gibt, die sich die Mühe machen, unter jedem Video-Beitrag bei Youtube mit Biermann, Gauck und Kunze diese schwer zu beleidigen, mag zu denken geben. Was kann das anderes sein als eine linksextreme SA? Wer mit viel Verve und ohne jeden Anstand einen Wolf Biermann als "senil" und "dement" bezeichnet, glaubt die absolute Wahrheit gepachtet zu haben und glaubt, einen Menschen anderer Auffassung zu entwürdigen zu dürfen. Diese Leute fordern für sich die Grundrechte (z. B. Recht auf Meinungsäußerung), nutzen diese aber nur, um andere Menschen zu erniedrigen und diese an der freien Meinungsäußerung zu hindern. Diese Leute sind gefährlich. Mit diesem Selbstverständnis hat die SA in der Weimarer Zeit Veranstaltungen gesprengt.

Der Ruf nach der Normalisierung dieser Partei zeugt nicht gerade von einer aufgeklärten demokratischen Haltung. Die DKP beispielsweise hat nichts mit den Verbrechen der SED-Diktatur zu tun und doch ist sie gefährlich, antidemokratisch und keine normale Partei. Für die SED-Nachfolgepartei, selbst wenn sie keine SED-Nachfolgepartei wäre, muss also das gleiche gelten, weil sie ideologisch genau ausgerichtet ist. Nichtsdestoweniger hat diese Partei sehr viel mit den Verbrechen der SED-Diktatur zu tun, schließlich wird die DDR immer noch verteidigt. Offizielle Verlautbarungen zur Verurteilung dieser Diktatur kamen nur zögerlich und DDR-Kritiker innerhalb der Linkspartei bekommen schnell einen Maulkorb verpasst.

Junge Leute, die beim Fall der Mauer noch Kinder waren, heute aber in der Linkspartei sind, übernehmen die Geschichte der SED und verteidigen die Verbrechen der SED impliziert. Sie können sich nicht damit herausreden, sie hätten da zu DDR-Zeiten keine Verantwortung getragen, genauso wenig wie sich Deutsche damit hätten herausreden können, bei Kriegsende Kinder gewesen zu sein, um das Anzünden von Synagogen zu rechtfertigen. (Leider Gottes war eine Losung der 68er, es müsse Schluss sein mit dem "Judenknax", um unverhohlen gegen Israel zu stänkern und Juden zu selektieren, wie in der Air-France-Maschine in Entebbe.)

Eine menschenverachtende Haltung ist und bleibt menschenverachtend, unabhängig von der eigenen Biographie. Und eine Ideologie, die den Menschen verachtet, muss man gekämpfen, ob Linksextremismus, Rechtsextremismus oder Salafismus. Es reicht nicht, selbst kein Blut an den Fingern zu haben, es ist notwendig, nicht für zukünftiges Blut an Fingern verantwortlich zu sein. Die sozialistische Ideologie, wozu ich auch die nationalsozialistische Ideologie zähle, führt aber genau dort hin.

Der Sozialismus ist keine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt worden wäre. Der Sozialismus hatte etliche Möglichkeiten und immer gab es Massenmord, Folter, Hunger und Elend. Da kann die Linkspartei noch so sehr Kreide fressen und sich für "soziale Belange" einsetzen. Erstens ist mir das eh schon alles zu viel an "soziales" (Vater Staat ist eine Glucke.) und zweitens gibt es keine Partei, die nicht für die soziale Grundsicherung ist.

Die NPD macht's ähnlich wie die SED-Nachfolgepartei und veranstaltet kleine Feste für Familien und Kinder, mit Hüpfburgen, Zuckerwatte und Bratwurst. Denen gehen die meisten Menschen nicht auf den Leim, aber der Linkspartei schon, weil sie die Linkspartei unterschätzen.

Ich kann nur jedem jungen Menschen raten, sich kritisch mit der DDR auseinanderzusetzen. Es gibt die Lieder von Wolf Biermann. Die sollte man hören. Es gibt auch das Buch "Die wunderbaren Jahren" von Reiner Kunze, welches sehr eindrücklich den Alltag in der DDR schildert. Ich erinnere mich noch lückenhaft. Ich habe noch NVA-Propaganda in der Schule miterlebt, ich kannte noch die Fahnenappelle und ganz besonders ist die Stigmatisierung von christlichen Kindern in unserer Klasse in Erinnerung geblieben. Die haben mir sehr leid getan. Glücklicherweise gab es vor 25 Jahren den Mauerfall und anschließend die Wiedervereinigung. Ich habe mir schon häufiger den Kopf darüber zerbrochen, was aus mir geworden wäre, hätte die DDR noch länger angedauert. Ich war immer ein empfindsamer Mensch mit Hang zur Eigenbrötlerei und hätte wohl erhebliche Probleme bekommen.

Ich bin froh, heute in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben, in dem ich als Individuum geachtet und respektiert werde. Dass nicht alles perfekt ist, muss man hinnehmen. Mir sind beispielsweise die Steuern zu hoch, die Regulierungsdichte zu hoch und der Aktionär zu wenig geschätzt. Aber was ist schon perfekt? Der Tod vielleicht. Der glückt immer. Während eine Klaviervorführung immer kleine Fehler enthält, die nur die geübten Hörer heraushören, ist der Tod endgültig. Nur zu 98 % zu sterben, geht nicht. Die Beförderung ins Jenseits haben die Sozialisten auch meisterhaft beherrscht. Ich will aber leben.

Kommentare:

  1. Unabhängig von ihrer SED-Vergangenheit lebt DIE LINKE davon, dass sie Freibier für alle fordert. Und wenn sie gefragt wird, wer soll das bezahlen, dann heißt es die Reichen. So ist es Gysi, der in den diversen Talkshows brilliert, ein Graus, dass in Deutschland die Millionärsdichte zunimmt (obwohl er selbst sicherlich ein mehrfacher ist).
    Diese Partei lebt natürlich von den Abgehängten, vom Prekariat und da ist sie auch ein Korrektiv. Das sage ich, obwohl ich die Auffassungen nicht teile. Sie treibt natürlich die anderen Parteien vor sich her. Wenn die 8,50 € Mindestlohn einführen, fordert DIE LINKE 10 € (mindestens) usw. Deshalb kommt sie vor allem im Osten gut an. Nicht wegen ihrer Ideologie, glaube ich.
    Wenn mit Gysi, nach Lafontaine, die letzte charismatische Figur abgetreten ist, wird DIE LINKE deutlich an Popularität verlieren. Insofern geht von ihr keine echte Gefahr aus. Sie der Stachel in der Wohlstandsgesellschaft.

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  2. Vor knapp 25 Jahren (ich war 25 und auch aus der DDR) ahnte ich, dass uns das in 20 Jahren noch einmal 'beglücken' wird. Menschen sind leider leicht zu verführen, sich zu Eigenverantwortung zu bekennen ist deutlich schwieriger als zu fordern, die anderen müssten doch dies und das tun.
    Wenn man sieht, wie militante Linke gegen Andersdenkende vorgehen, weiss man, welch Geistes Kind diese Leute sind. Leider schweigen auch die Medien meist dazu. Auch dazu wie die SED-Genossen das dem Volk abgenommene Kapital nach der Wende unter sich aufteilten und damit Firmen gründeten. Da ist einiges schief gelaufen und heute leider nicht mehr zu korrigieren.

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    1. In der Tat. Ich sehe die Linken sehr kritisch und bin immer wieder erstaunt, dass Leute Meinen, die Linken werden in den Medien überkritisch dargestellt. Kann ich nicht erkennen. Eher geht man sehr handzahm mit ihnen um. Wenn ich bedenke, wie schnell jemand fertig gemacht wird, wer er ein paar konservative Töne von sich gibt, dann bekommt er den Stempel "neurechts" und der neuen Rechten wird eine Nähe zum Nationalsozialismus nachgesagt.

      Die Linken und ihre Anhänger gehören zu den militantesten des Landes. Da werden schon mal Leute am Rande des Luxemburg-Liebknecht-Umzuges verprügelt. Die Opfer in Hohenschönhausen und Torgau werden von diesen Leuten verhöhnt. Es besuchen Gruppen von Altkadern Vorträge der Opfer und machen Stunk. Die Linkspartei schafft es, den Ostdeutschen einzureden, sie wären Wendeverlierer und es hätte eine Siegerjustiz gegeben. Die Siegerjustiz sieht so aus, dass hochrangige Stasi-Leute stattliche Renten bekommen, denn sie hätten ja jahrezehntelang "gearbeitet" und "eingezahlt", während das Stasi-Opfer wegen einer unstetigen Erwerbsbiographie nichts vorweisen kann.

      Und dass sie SED ein großes Antisemitismusproblem hat, ist eigentlich nicht erst seit der Verfolgungsjagd auf Gysi bekannt.

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  3. Du mit deinem Antisemitismus! Langsam nervt es!

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