Montag, 19. Januar 2015

Die Deutschen und ihre Rentenversicherung

Der Historiker Friedrich Oertel sah den 30-jährigen Krieg als prägendes Ereignis für den Nationalcharakter, insbesondere der Mangel am Freisinn ist Ergebnis dessen. Ich finde, da ist was dran, der typische Deutsche nimmt jede Unfreiheit und jedes Unrecht in Kauf, wenn damit die Ordnung garantiert ist. Wenn heute in der Tageszeitung etwas über Kindesmisshandlung zu lesen ist, heißt es oft, dass hätte es früher nicht gegeben. Mit "früher" meint man dann häufig Hitlerdeutschland oder die DDR. Tatsächlich hat es die Kindesmisshandlung gegeben und nur solche Zeitungsartikel nicht. Und dass heute Menschen die Berliner Mauer damit verteidigen, dass sie den Frieden (also die Ordnung) bewahrt hätten, und dennoch ernst genommen werden, ist auch eine Folge des deutschen Nationalcharakters. Fatalerweise erheben viele die Lehre aus dem 2. Weltkrieg müsse sein, "Nie wieder Krieg!". Eigentlich muss die Losung sein: "Nie wieder Unfreiheit, Unrecht, Unmenschlichkeit."

Entscheidend für die Einstellung der Deutschen zum Geld ist auch die Hyperinflation von 1923. Ich erinnere mich, wie ich 1990 meine erste Klassenfahrt machte; da war ich in der zweiten Klasse. Das Schullandheim hatte eine kleine Ausstellung, in der Geldscheine mit dem Wert einer Million Reichsmark ausgestellt waren. Mit diesem Thema wird man schon früh konfrontiert und nicht nur Geschichtsbücher zeigen gerne Bilder, wo jemand eine Schubkarre mit Geldscheinen durch die Gegend fährt. Die Folge dieses Ereignisses ist, dass kein Volk die stärker auf die Inflationsrate schielt als es die Deutschen tun. Und obwohl wir niedrige Inflationsraten haben, wird immer noch gemeckert. Und die offizielle Inflationsrate wird auch häufig hinterfragt. Es gibt nicht wenigen, die schreiben, wir hätten eine Inflationsrate von 6 % und mehr pro Jahr und man bastelt seine Verschwörungstheorie, weil das nicht zu den offiziellen 2 % passt.

Tief verankert im deutschen Wesen ist auch den Verlass auf "Vater Staat". Das wurde dem deutschen Michel regelrecht eingeimpft. Deutschland war eines der ersten Länder mit einer allgemeinen gesetzlichen Rentenversicherung. Tim Schäfer ist ein Fan, aber ich halte nicht viel von ihr und fand seine Argumentation nicht überzeugend. Natürlich ist die Riester-Rente genauso unsinnig und noch weniger lukrativ, aber dadurch wird die Bismarck-Rente nicht besser.

Ich sehe folgende Nachteile:

1. Der Bürger wird dahingehend erzogen, dass er sich um seine Altersvorsorge nicht kümmern müsse. Wer sich aber nicht mit diesem Thema beschäftigt, kann auch nicht wertvolle Kenntnisse entwickeln, die notwendig sind, um ein kleines Vermögen aufzubauen. Und leider ist es ein Faktum, dass die Deutschen eine sehr niedrige Aktienquote haben, wahrscheinlich deshalb und weil seit Jahrzehnten trompetet wird, wie unsicher Aktien wären.

2. Es wird zwar immer viel gesagt und geschrieben, wie gerecht und sozial die gesetzliche Rente sei, aber ich finde sie sehr unfair. Sie wird auch besonders für geringverdienende Arbeiter positiv gesehen. Ich finde, dass das die Menschen sind, die am stärksten ausgebeutet werden. Ich habe keine Lebensversicherung, weil ich noch keine Hinterbliebenen hinterlassen würde. Ich habe keine Hausratversicherung, weil ich nicht so viel Hausrat habe. Warum aber wird ein Arbeiter gezwungen, eine Versicherung abzuschließen, für die er ein geringeres Risiko hat? Eine Rentenversicherung ist eine Versicherung gegen Langlebigkeit. Ein Arbeiter lebt gefährlich, er soll aber genauso viel Prozente an die Rentenkasse abdrücken wie alle anderen auch, dabei ist sein Berufsunfähigkeitsrisiko viel größer. Dafür fehlt dann das Geld. Wird er tatsächlich berufsunfähig, dann hat er die Arschkarte gezogen. In die Rentenkasse zahlt er gar nichts mehr ein und bekommt als "Minderleister" noch weniger Rente, wenn er jenseits des Renteneintrittalters ist. Und die Bezugsdauer ist bei ihm auch geringer. Der Staat kümmert sich lieber um satte gesunde Rentner als um die wirklich Bedürftigen, die mit 60 kaputt geschuftet sind. Invaliditätsabsicherung wird häufig genug als versicherungsfremde Leistung denunziert und die Politik dazu umgesetzt.

Fair wäre es: Ein Dachdecker zahlt weniger in die Rentenkasse (mit steigender Dynamik) ein, dafür mehr in die BU-Versicherung (absteigende Dynamik). Ein Büroangestellter schließt vielleicht gar keine BU-Versicherung ab, dafür muss er seine Langlebigkeit besser absichern und zahlt dort entsprechend höhere Prämien. Das kann der Staat schlecht regulieren; ein Markt könnte das regulieren.

3. In unserem Sozialsystem erkennt man noch die gesellschaftliche Struktur des 19. Jahrhunderts. Es gibt Arbeiter, Angestellte, Selbstständige, Freiberufler, Beamte... Für jede Gruppe gibt's eigene Systeme und Kassen. Was soll der Quatsch? Es erzeugt einen Haufen Bürokratie. Die soziale Mobilität wird dadurch erschwert. Anstatt es zu vereinfachen, dass die Leute in den Beamtenstand wechseln und ihn verlassen können, zementiert man die Gesellschaft. Da draußen gibt's bestimmt genug fähig Beamte mit höheren Ambitionen, die nur deshalb Beamte bleiben, weil sie die Pensionsansprüche nicht verlieren wollen. Kann es aber auf Dauer gut sein, wenn Menschen aus Opportunismus unter ihren Möglichkeiten verharren?

Ein weiteres Problem, was ich darin sehe: Die Kritiker des jetzigen Systems sind abgelenkt und übersehen das Wesentliche. Die rufen dann: Alle Beamten in die gesetzliche Renteversicherung und in die gesetzlichen Krankenkassen. Die Versichertengemeinschaft auszuweiten, löst überhaupt keine Probleme. Das würde die Probleme sogar noch verschärfen, denn Beamte sind überwiegend Büromenschen (mit entsprechend hoher Restlebensdauer) und haben die amtsärztliche Untersuchung erfolgreich hinter sich gebracht (das heißt, die dürften durchschnittlich noch länger leben als die Büromenschen in der freien Wirtschaft).

Die Versichertengemeinschaft wurde schon einmal ausgeweitet. Das war 1990, also die DDR mit einer jüngeren Bevölkerungsstruktur in das System übernommen worden sind. Die positiven Effekte waren dann aber auch schnell verpufft.

Private Vorsorge ist gut und richtig. Die beste Vorsorge ist der Vermögensaufbau. Ich habe nun schon über 100000 €. Das ist Altersvorsorge und Hinterbliebenenschutz in einem. Würde ich die 100000 € einfach liegen lassen, die Dividenden verprassen, und ich nehme durchschnittlich 5 % Kurssteigerung pro Jahr an, sind das nach 30 Jahren 100000 € * 1,05^30 = 431194 €. Würde ich heute sterben, hätte ich 100000 € vererbt. Das dürfte mehr sein als bei der typischen Kapitallebensversicherung gibt, die viele Leute abschließen. Zu höheren Todesfallsummen sind viele nicht bereit.

Kommentare:

  1. So böse das klingt - aber ich persönlich bin heilfroh, dass sich die Deutschen im Allgemeinen auf die DRV verlassen und nicht auf die hanebüchene Idee kommen, Geld anzusparen für ihr Alter.

    Warum? Nun ganz einfach:
    "Die Gesamtheit der Wirtschaftsteilnehmer kann kein positives Netto-Geldvermögen aufbauen, da jeder finanziellen Forderung (Guthaben) des Gläubigers (Sparers) eine gleich hohe Verbindlichkeit eines Schuldners gegenübersteht, mit der sie sich zu Null addiert. Das Geldvermögen der gesamten Volkswirtschaft ist daher immer gleich Null."

    Teilweise ist ja der Staat so freundlich und verschuldet sich um einigen wenigen den Aufbau von netto-Vermögen zu ermöglichen. Im großen und ganzen sollte die Anzahl an Sparer aber gerne gering bleiben!

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    1. Hallo DERKRIGR,

      Recht hast Du. Das Prinzip des Mackenroth-Theorem beschreibt den Umstand auf eine ähnliche Art und Weise:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Mackenroth-These

      Gesamtwirtschaftlich spielt es damit gar keine Rolle, ob die Sozialausgaben umlagefinanziert oder kapitalgedeckt angespart sind.
      Es geht lediglich um die Verteilung des Volkseinkommens.

      Gruss

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    2. Ich finde schon, dass es einen Unterschied macht. Wer investiert, hat eine Investition getätigt, von der viele Menschen profitieren, als Kunden, als Arbeitnehmer, als Mitinvestoren. Die Aktiengesellschaft ist erstmal da. Das ist ein Wert an sich, der von Generation zu Generation weitergegeben werden kann.

      Plumpe Umverteilung ist dem nicht ebenbürtig; eine plumpe Umverteilung ist keine Investition.

      Die Mackenroth-These war mir als solche nicht bekannt, aber sehr wohl bewusst. Ich war immer gegen die Leute, die sagten, sie hätten "jahrelang eingezahlt". Diese Anhänger der Staatsrente sind diejenigen, die einfach nicht verstehen, dass die eingezahlten Gelder von gestern wertlos geworden sind.

      Aktiensparen hat volkswirtschaftlich bestrachtet enorme Robustheitsvortiele. Aktien sind handelbar und international handelbar. Eine schrumpfende deutsche Bevölkerung stellt weniger ein Problem dar, weil die deutschen Aktiensparer internationale Titel halten können und dass ausländische Investoren deutsche Anteile kaufen können. Rentenanwartschaften sind nicht handelbar.

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  2. Im Zeitalter der Globalisierung sind diese nationalökonomischen Betrachtungsweisen wohl eher Milchmädchenrechnungen.

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