Montag, 6. April 2015

Versorgungslücke, Rentenlücke... ein paternalistisches Verwirrspiel

Gestern hörte ich den Podcast 82 von Stefan Obersteller über die Riesterrente. Er erwähnte den Begriff "Versorgungslücke". Er kritisierte auch diesen Begriff. Je mehr ich während des Zuhörens über diesen Begriff nachdachte, umso dümmer fand ich ihn.

Was ist die Versorgungslücke bzw. die Rentenlücke? Die Altersrente deckt nie das letzte Nettogehalt ab. Die Differenz zwischen dem letzten Nettogehalt und der Rente nennt man Rentenlücke. Mit dieser Lücke werden Geschäfte gemacht. Im erwähnten Wikipedia-Artikel über die Rentenlücke wird dieser Begriff auch kritisiert.

Es ist aber unsinnig, von einer Lücke zu reden. Es wird suggeriert, man müsse seinen Lebensstandard seinem Nettogehalt anpassen und davon 100 % auf den Kopf kloppen. Wer das tut, bekommt ab Renteneintritt wirklich Schwierigkeiten, wenn er seine Angewohnheiten nicht schnell ändert.

Von einer Versorgungslücke zu sprechen, ohne den persönlichen Bedarf zu berücksichtigen, ist Unfug. Von einer Versorgungslücke zu sprechen, ohne in Erwägung zu ziehen, dass man im hohen Alter noch ein paar Euro dazuverdienen kann (z. B. durch Zeitung austragen), ist auch Unfug. Schon anzunehmen, dass sich der Bedarf nicht ändert, wenn man älter wird, ist Quatsch. Mit dem Alter wird man meistens genügsamer. Außerdem fallen bei vielen die Ausgaben für den Beruf weg.

Was wollen die Versicherungen und Banken? Man stelle sich vor, die argumentieren damit, dass die Rente nur noch 70 % des Nettogehaltes beträgt. Die sind so überzeugend, dass man hinterher 30 % seines Gehaltes in Vorsorgeprodukte (Riester, Rürup, KLV) abdrückt. Wer heute aber schon auf 30 % verzichten kann, um in die Altersvorsorge zu investieren, der beweist doch, dass ihm 70 % seines Nettogehaltes auskömmlich sind. Definiert man die Versorgungslücke am Bedarf, dann hat er eine Lücke von 0 %.

Ein Beispiel an ganz einfachen Zahlen: Jemand bekommt 1000 Euro netto, ihm reichen 700 €, 300 € er drückt in Vorsorgeprodukte ab. Er erreicht das Rentenalter, bekommt 700 € gesetzliche Rente und wieder 300 € aus dem Riestervertrag, um die "Versorgungslücke" zu schließen. Er behält seinen Lebensstil bei, d.h. er kommt immer noch mit 700 € zurecht. Was soll er mit den restlichen 300 € machen? Und aufgrund der geringeren Restlebenszeit hat er auch weniger davon.

Angenommen, er hat Jahrzehnte sich diese 300 € pro Monat vom Munde abgespart, um in den letzten zwei Lebensjahrzehnten wieder 300 € pro Monat zu bekommen, die er nicht braucht. Das ist doch ein ziemlicher Blödsinn. Er hätte besser schon in jungen Jahren in seine Hobbys investieren können, öfter mal ins Theater, in die Oper oder zu Rockkonzerten gehen können. Das alles ins hohe Alter zu verschieben, bei dem man nicht weiß, ob das erreicht, ist unsinnig. Vor allem kann man vieles nicht aufholen. Wer in seinen 30ern nicht in seine Bildung investiert und Kulturveranstaltungen besucht, verliert den intellektuellen Anschluss. Besser ist es, mit seinen Kindern in jungen Jahren das Theater zu besuchen, anstatt das Geld einem Versicherungsheini in den Rachen zu werfen.

Anstatt eine Versicherungsgesellschaft oder eine Bank vermögend zu machen, sollte man das Geld zeitnah verkonsumieren oder vernünftig investieren. Vernünftig investieren heißt: Unternehmensanteile kaufen, was denn sonst.  Da hat man wenigstens Aussicht auf gute Rendite bei hoher Flexibilität. Es ist auch Erbmasse, was man nie vergessen darf. Die Ansprüche aus einer Leibrentenversicherung aber verfallen.

Vermögen im höheren Alter ist nichts schlimmes. Viele glauben, sie machten Unfug, wenn sie größeren finanziellen Spielraum hätten. Die typischen Riestersparer trauen sich aber zu wenig zu, wenn sie meinen, sie müssten sich über eine private Rentenversicherung disziplinieren.

Es hat viele Vorteile, wenn man mit 50 oder 60 Jahren viel liquides Vermögen vorweisen kann. Man kann sich beispielsweise Zeit kaufen, indem man in den Vorruhestand geht. Oder aber man macht die lang ersehnte Weltreise. Man kann es auch verschenken, an Kinder und Enkelkinder. Wenn letztere gerade im Studium sind, dann können die tatsächlich die eine oder andere Geldspritze benötigen. Oder man spendet es an die örtliche Bibliothek oder ans Theater.

Die Idee aber, sich selbst als Taschengeldempfänger ("Selbstkasteiung zum Taschengeldempfänger") zu sehen, zuerst das Nettogehalt zur freien konsumtativen Entfaltung zu nutzen und später die Rente, ist völlig abstrus und wohl der Kardinalfehler bei allen Rentendiskussionen in Deutschland.

Und über den Fall, dass jemand im Alter einen Bedarf von 700 € hat, eine Rente von 500 € bekommt, aber auf ein liquides Vermögen von 200000 € im Hintergrund zugreifen kann, habe ich noch gar nicht geschrieben. Wer so dasteht, hat keine finanziellen Probleme. Solche Fälle werden aber zu Problemfällen geschrieben, weil man dem Rentner nicht zutraut, kontrolliert sein Vermögen zu verkonsumieren. Da meldet sich die paternalistische Grundeinstellung der Deutschen und deshalb sind Sofortrenten auch so erfolgreich.

Gibt's diese Fälle? Ja, die gibt es: Witwen, die nur eine Witwenrente beziehen, weil sie selber nie gearbeitet haben. Der Gatte hat dann nebenbei 200000 € hinterlassen. Selbst 50000 € liquide Erbmasse wären immer noch ausreichend.

Dies ist kein Plädoyer, auf Vermögensaufbau zu verzichten. Man sollte ihn nur vernünftig anstellen und nicht auf den rhetorischen Trick mit der Versorgungslücke reinfallen. Die Leute, die wirklich Probleme mit dieser Lücke haben werden, sind gewiss keine interessanten Kunden für Banken und Versicherungen.






Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben, darüber sollte man mal nachdenken. Ich spare und mache den ganzen Zinober, um eher in ein arbeitsfreies Leben zu kommen (wenn ich was freiwillig mache, ist das was anderes). Ich sehe das auch nicht unbedingt als Lücke, ich sage immer meinen Bekannten: "Wenn mir mein Geld langt, dann bin ich weg." Verstehen aber die Wenigsten. Jedenfalls habe ich das Ganze, so wie du es schreibst noch nicht gesehen. Ein sehr guter Denkansatz.

    Gruß Alexander

    AntwortenLöschen
  2. Genau in der gleichen Weise verfahren die Versicherungsheinis auch, wenn es um eine Berufsunfähigkeitsversicherung geht; sie nehmen das aktuell Gehalt als Maßstab. Dann ergeben sic natürlich entsprechend hohe Prämien.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Richtig. Ich habe auch eine BU. Ich habe mich bewusst nicht an meinem Netto-Gehalt orientiert. Das machen die Versicherungsheinis gerne. Der Versicherungsheini dann auch gleich: Wollen Sie eine Dynamik wegen der Gehaltsentwicklung? Nö. Ich habe eine, aber wegen der Inflation. Mein Gehalt ist doch völlig unerheblich für die BU.

      Löschen
  3. Das ist absolut richtig, was hier geschrieben wurde.

    Es gibt nur gerade in der Zeit das Problem einer großen Unsicherheit bzgl. der zukünfigen Entwicklung, gerade in der Eurozone. Klar sind Aktien als Sachanlage dagegen relativ gut geschützt, aber nur relativ gut. Wie man in Japan sieht, kann es auch lange Zeiten schwacher Kurse geben und dann könnte der Kurswerte der zu dem Zeitpunkt wo man sich damit früher zur Ruhe setzt, dann am Ende doch nicht reichen. Dazu kommt, dass in Kriesenzeiten auch die besten Konzerne die Dividenden kürzen oder gar streichen müssen. Einen Sicherheitspuffer sollte man also schon einplanen.

    Aber generell ist es komplett richtig selbst Vermögen in Sachwerten, bevorzugt Aktien aufzubauen, statt einer Bank oder Versicherung das Geld zu geben. Zumal die Spareinlagen rechtlich (§ 488 BGB) als Darlehen des Kunden gegenüber der Bank gelten. Deshalb lache ich immer, wenn mir einer erzählt wie viel Geld er auf der Bank hätte und immer ob es die Küchenbank oder eine Parkbank ist. Denn das Geld gehört der Bank oder Versicherung, wenn man es dort einzahlt, man hat nur eine Anspruch gegen das Institut, mehr nicht.

    AntwortenLöschen
  4. Ist die Versorgungslücke/Rentenlücke nicht eher die Differenz zwischen der staatlichen Rente und dem Betrag, den man für das Halten seines Lebensstandards benötigt? Ich höre zum ersten Mal, dass die Rente die gleiche Höhe, wie das Einkommen haben sollte.

    Denn dann passt es ja: Die Rente beträgt rund 40-50% des Nettogehalts. Angenommen 70% des Nettogehalts decken den Lebensstandard. Dann kann man tatsächlich bis(!) zu 30% in die Vorsorge stecken,- um dann später auf gleichem Niveau, nämlich den 70%, sein Leben zu Ende zu leben.
    Ich kann bis dahin nichts Verwerfliches oder Falsches in der Argumentation der Versicherer erkennen. Erst mit den Produkten der Versicherer habe ich dann ein Problem.

    Nun ja, deswegen s.o. betreibe ich ja Altersvorsorge bzw. Vermögensaufbau für den Zweck der Altersvorsorge.

    AntwortenLöschen
  5. Zeitloser Beitrag. Sehe ich genau so, wie du. Viele Kosten fallen ja für den Normalbürger mit Renteneintritt auch weg bzw. sind überflüssig (z.B. Rentenversicherung, BU-Beitrag, zweites Auto) und Steuern muss man ja im Normalfall auch weniger zahlen, da die Einnahmen geringer sind bzw. eine 25% Pauschalbesteuerung stattfindet (Abgeltungssteuer)...

    AntwortenLöschen
  6. ...es kommen aber auch zusätzliche oder neue Ausgaben im Rentenalter dazu. Mehr Freizeit folgen höhere Kosten (zumindest möchte ich meinen Ruhestand eher im Urlaub als mit Nebenjobs verbringen), Kosten für Medikamente, etc.

    Ich finde den Artikel interessant aber etwas zu pauschal und sehr auf den Autoren fokussiert. Ich denke jeder muss für sich selbst berechnen wie viel Geld im Rentenalter (voraussichtlich) benötigt wird, da dies doch sehr vom Lebensstil und weiteren Faktoren (Erbe, sonstige Einkommen, usw.) abhängt.

    Die Motivation zu mehr Konsum finde ich jedoch besonders mit Blick auf die junge Generation doch eher daneben. Zumindest in meinem Bekannten- und Freundeskreis haben junge Menschen extrem den Konsum und das Hier und Heute im Blick. Aus meiner Sicht leben viele, trotz teils hoher Gehälter, über ihrem Limit und an Später wird kaum oder gar nicht gedacht. Die ältere Generation wurde noch zum Sparen erzogen und hat sich Dinge gekauft, welche man sich auch leisten und bar bezahlen konnte. Diese Generation/Personen könnten oder sollten aus meiner Sicht mehr in das Leben investieren und nicht nur das Bankguthaben anwachsen lassen. Aber jungen Menschen zu mehr Konsum zu raten ist aus meiner Sicht an der Realität vorbei gedacht.

    AntwortenLöschen