Donnerstag, 4. Juni 2015

An der Börse braucht's K.N.A.

Um Vermögen zu bilden, sind drei Körperteile wichtig:

1. Das Köpfchen. Man muss kein Genie, kein Akademiker sein, um an der Börse Erfolg zu haben. Aber auf den Kopf sollte man auch nicht gefallen sein. Entscheidend ist die sokratische Einsicht, dass man weiß, dass man nichts weiß. Der Verstand sollte einem auch davor bewahren, dass man eine Erbschaft von 100000 € mit einem Schlag an der Börse investiert. Diversifikation erfolgt aus denkerischem Kalkül.

2. Das Näschen. Man sollte informiert sein, eine ungefähre Vorahnung haben, was passieren kann. Ein gutes Näschen habe ich vor einigen Jahren bewiesen, als ich 4000 € (> 200 % Rendite in 1,5 Jahren) durch eine kleine Spekulation einstrich. Ein gutes Näschen ist aber viel wichtiger, um schlechte Investments zu vermeiden. Dass die Solarbranche in Deutschland total pleite ging, hätte man erahnen können. Man sollte regelmäßig Nachrichten lesen, um neue Meldungen schneller aufnehmen und einordnen zu können. Das Näschen (man könnte auch sagen: das Bauchgefühl) kann man trainieren.


Natürlich kommt man auch mit Nachdenken drauf, wie im Falle von Prokon: Warum will mir jemand 8 % risikolose Rendite bieten, bettelt dafür in S-Bahnen, dass Anleger die Genussscheine kaufen, wenn es doch Fremdkapital so günstig bei Banken gibt? Genauso auch Holzinvestments. Geld für 5 % leihen, in Holz stecken, 12 % kassieren, die Differenz von 7 % wäre die Nettorendite. Warum wollen Manager ausgerechnet von mir Geld haben? Warum stecken die nicht ihr eigenes Geld da rein und nehmen bei diesen Wunderrenditen nicht selber einen Kredit auf?


3. Der Arsch. Das einzige Körperteil, welches ich nicht in den Dimunitiv gesetzt habe, denn er ist das wichtigste. Man muss auf seinem Investment sitzen bleiben, viele Jahre Dividende um Dividende kassieren, diese reinvestieren. Stopps darf man nicht setzen, man darf sich nicht verrückt machen lassen. Die Börse geht jährlich im Durchschnitt um 8 % nach oben. Nach 20 Jahren ergibt das eine 4,66-fachung der ursprünglichen Investition.

Das Problem ist bei vielen Börsianern ist, dass sie kein Sitzfleisch haben, nicht in Ruhe abwarten können. Die einen vertrauen zu sehr ihrer Nase. Sie glauben, einen Witterung zu einem Geheimtipp aufgenommen haben, wo der Kurs innerhalb weniger Wochen explodiert. Das ist die Klientel, die auch gerne Pennystocks kauft.

Dann gibt es aber auch die, die zu viel denken. Sie glauben, man könne mit System kurzfristige Kursdifferenzen zum eigenen Vorteil nutzen. Man schafft sich eine eigene Welt, um Strukturen in den Charts zu kategorisieren, zu benennen und zu analysieren. Das sind dann Charttechniker und insbesondere Daytrader. Sie glauben, man könne die Börse mit dem Kopf schlagen. Charttechnik ist eine Pseudowissenschaft mit vielen Anhängern. Die Charttechnik fabriziert viele selbsterfüllende Prophezeiungen. Stopp-Loss-Kaskaden lassen die Kurse fallen. Hinterher dienen die fallenden Kurse als Rechtfertigung: Schaut her, die Charttechnik hat's richtig vorhergesagt.

Zu den Leuten, die mit zu viel Kopf an die Börse gehen, möchte ich den alten Goethe zitieren:

"Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an die Stelle, wo das unaufgelöste Problem liegt, gern ein Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann." - Wilhelm Meisters Wanderjahre II, Betrachtungen im Sinne der Wanderer. Kunst, Ethisches, Natur
 
Besser kann man das Dilemma der Charttechniker nicht beschreiben. Sie denken zu viel, gehen aber nicht auf kritische Distanz zum Gedachten. Das "unaufgelöste Problem" ist übrigens die Zukunft. Niemand kennt sie und das wissen eigentlich alle. Dennoch unternehmen viele den Versuch, den Kurs in drei Minuten oder den in zwei Wochen vorherzusagen.

Eine Prise gesunder Menschenverstand, ein wenig Distanz zum Börsengeschehen, ab und zu ein gutes Näschen oder Händchen, gepaart mit Sitzfleisch und schon kann nichts anbrennen.

Kommentare:

  1. Mein Dozent zur Chartanalyse: "Chartanalyse ist bestenfalls nutzlos."

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  2. :D K.N.A ! Hat mich echt neugierig gemacht... Super erklärt! und ein tolles Kürzel gefunden. Ich finde auch das man viel Sitzfleisch beweisen muss und lernen sollte geduldiger zu sein, aber ich verstehe auch das wenn man noch frisch in Aktien investiert ist, ständig auf die Kurse schaut. Man sollte sich aber nicht verrückt machen lassen.

    Danke für dein Beitrag
    Grüße
    Philipp

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  3. Schon der alte Kostolany wusste: "„Man macht Geld an der Börse nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Sitzfleisch." ;-)

    Gruß
    Finanzwesir

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