Dienstag, 9. Juni 2015

Ein Rat an Jung-Akademiker

Ich bin Akademiker, ich liebe meinen Beruf. Akademiker identifizieren sich sehr mit ihrem Beruf, sind geneigt, aus persönlichen Ehrgeiz sich kaputt zu machen. Ich bin beruflich in einer Situation, bei der ich merke, dass ich an meine körperlichen Grenzen komme. Wir arbeiten in Projekten und für den Projekterfolg wird alles getan. Ich habe kein Problem damit, Überstunden zu leisten; sicherlich bin ich sehr belastbar. Aber ich merke an mir, dass nach über ein Jahr Projekt und nur sehr wenig Urlaub (1 Woche im August, 2,5 Wochen um Weihnachten herum), bei sehr viel Samstags- und Sonntagsarbeit, dass ich einfach nicht mehr abschalten kann. Ärgerlich ist, dass es nicht honoriert wird, was man macht, und dass vorausschauende Mehrarbeit nicht goutiert wird, indem man mal freie Tage bekommt. Aufgrund meiner Schlüsselstellung im Projekt, ist es nicht absehbar, dass ich mal eine Woche am Stück wegbleibe. Wenn das Projekt dann vor sich hin plätschert, kommt - so hoffe ich - wieder etwas Ruhe auf.

Ich denke, es geht vielen in meinem Beruf so. Man hat aber Vorteile. 1. Man hat einen größeren finanziellen Spielraum als ein einfacher Arbeiter. 2. Man hat das Rüstzeug, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten.

Diese Kombination ist eigentlich ausreichend, um sich mit Aktieninvestments zu beschäftigen. Man kann sich ein Nebeneinkommen aus Dividenden schaffen. Die ganz Eifrigen können sogar mit Mitte 40 in den Ruhestand gehen, wenn sie denn wollen. Also Akademiker, ergreift die Chance die jungen Jahren. Man sollte wirklich für den Fall vorsorgen, dass man mit Mitte 40 nicht mehr kann oder will, ein Unternehmenswechsel könnte dann für Abhilfe sorgen. Dividendeneinnahmen könnten Gehaltseinbußen abfangen. Oder aber man wird Freiberufler.

Das ist ja auch etwas, was mich total ankotzt am Angestelltendasein. Als Student konnte ich meine Zeit frei einteilen. Ich konnte um 5:30 Uhr aufstehen und bis 23 Uhr Vorlesungen besuchen, Sport treiben, lernen, an Projekten arbeiten... Es hat mir nichts ausgemacht, denn ich war selbstbestimmt. Als Angestellter ist man fremdbestimmt.

Ich werde meinen Beruf auch in zehn, zwanzig Jahren noch lieben. Ich erlebte auch schon stressigere Zeiten. Zum Alkoholkonsum neige ich nicht; ich kann mir gut vorstellen, dass viele in meiner Situation zum Schnaps greifen ("Hier hast 'nen Korn, der bringt dich wieder nach vorn.") und ihre Gesundheit ruinieren. Wer aus Verlegenheit studiert hat, z. B. BWL, wird da schon mehr Probleme bekommen. Anders als viele Informatiker, die schon mit 13 Jahren ihre ersten Programme schreiben und wahre Überzeugungstäter sind, beschäftigt sich kein Kind mit 13 Jahren mit Buchhaltung und anderen BWL-Themen.



Kommentare:

  1. Was ist das für ein Arbeitgeber, der seine besten Leute verheizt, ohne wenigstens finanzielle bennefits zu bieten. Da würde ich schnellstens wechseln: Studierter Informatiker mit Berufserfahrung, da geht doch was. Also, nichts wie raus der der Komfortzone; Neuer Arbeitgeber mit besseren Bedingungen, dafür Umzug, nicht mehr mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber was soll's. Schließlich hat man studiert, um ein größeres Stück vom Kuchen zu bekommen.

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  2. Deine Verallgemeinerungen sind nicht hilfreich - aber typisch. Ich bin auch Akademiker. Aber ich mache mich nicht aus persönlichem Ehrgeiz kaputt. Niemand sollte das tun! Genau so wenig wie meine Nichtakademikerkollegen am Band, die sich grösstenteils ebenfalls mit Ihrem Beruf identifizieren.
    Einige Akademikerkollegen sind genau das Gegenteil - sie schieben ne ruhige Kugel, zeigen keinerlei Engangement und warten auf den Ruhestand.
    Wenn Du derzeit an Deine körperlichen Grenzen kommst und nicht mehr abschalten kannst, gleichzeitig aber schreibst dass Du schon stressigere Zeiten erlebt hast, dann solltest Du Deine Einstellung überdenken.

    Was ist jetzt der Rat an Jung-Akademiker? Früh vorsorgen falls man mit Mitte 40 am Ende ist? Der Tip an sich ist sehr vernünftig, die Begründung hanebüchen.

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  3. Ich habe mich nach 23 Jahren Angestelltendasein selbständig gemacht, auch um weitgehend freie Verfügung über die Zeit und gutes Einkommen zu kombinieren. Es hat funktioniert, unter anderem auch deshalb weil ich mittlerweile Angestellte habe die das Zeitkritische abfangen. Garantie hat man sowieso nie, auch nicht als Angestellter.

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  4. "Anders als viele Informatiker..."
    Gemach, gemach ;-). Das eine schließt das anderen nicht aus. Mit 10 Jahren habe ich z.B. auf dem C64 die ersten simplen Programme geschrieben. Das hielt mich nicht davon abhielt - so es die Schule erlaubte - etwas später im Leben "Telebörse" auf Sat1 zu schauen. Zunächst wohl einmal, weil zu der Zeit nix anderes in der Glotze lief, bald dann aber mit Interesse das bis heute anhält. Kann mich noch dunkel an den "Kiss-Index" erinnern und dass zu einer festen Zeit (12h45 oder so?) die Kasse-Kurse festgelegt wurden zu denen man als Privatanleger Aktien kaufte. Muß so um 1987 gewesen sein, weil es damals auch einen Crash gab an den ich mich erinnere. Da dauerte die Sendung auch nur eine halbe Stunde und wurde direkt noch einmal wiederholt.

    Ansonsten: Bei allem Geldverdienen muß man immer auf die Gesundheit achten - gerade auch auf das was im Kopf so vorgeht. Sonst ist die ganze Kohle am Ende zu nix nutze.
    Ich denke auch, dass man in jungen Jahren zusehen sollte schon sehr bald eine gewisse Unabhängigkeit zu erreichen. Wenn man mit offenen Augen sich die Leute anschaut, die so 10-20 Jahre älter sind, gibt es schon einige die nicht mehr so können/wollen wie noch vor ein paar Jahren. Klar meint man immer, dass man selber nie so werden kann. Es ist in jedem Fall gut wenn, sollte einen auf einmal doch die akute Unlust am Job überkommen, schon möglichst nahe an der finanzielle Freiheit ist.

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  5. Wenn ich die Zeilen lese habe ich ein Bild von dir als "Kurz-vor-dem-Burnout-Stehenden" im Kopf. Wenn du unzufrieden bist mit deinem Job dann wechsele einfach- das macht dich wieder lockerer.

    Und hör mir auf mit deinen neunmalklugen Ratschlägen von wegen "BWL studieren aus Verlegenheit".

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    1. Ihre Aussage hört sich an wie: "Geh doch nach drüben." - Das ist ein neunmalkluger Ratschlag.

      Ich habe auch niemanden geraten, BWL zu studieren. Mehr Erfahrung nach tummeln sind im BWL-Fach viele Studenten, die sonst nicht wussten, was sie studieren sollen. Das ist bei Mathematik, bei Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau anders. Dort schreiben sich viel mehr Leute ein mit der Begründung: "Das kann ich, das macht mir Spaß."

      Viele BWL-Studenten glauben, sie bekämen später eine gut dotierte Stelle in einem Unternehmen, natürlich mit Personalverantwortung, mit einem eigenen Budget. Man hat das Bild vor dem Auge, mit der schwarzen Limousine vorzufahren. Viele BWL-Absolventen werden dann am Ende Buchhalter oder Verkäufer in einer Klitsche und das Gehalt ist moderat. Das ist nichts schlimmes, aber doch weit entfernt von der Illusion, der sich viele Studenten hingeben und damit wird die Frustation umso größer sein.

      Angesichts der Absolventenschwemme an BWLern sinken viele Gehälter in den BWL-spezifischen Berufsgruppen. Dort streiten sich die Betriebswirt mit den ausgebildeten Kaufleuten um die zu besetzenden Stellen.

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  6. Ich habe mich auch schon für die Arbeit aufgerieben. Natürlich ist es nicht der Kracher, wenn man 70 Stunden die Woche arbeitet um das Projekt zum Erfolg zu führen. Aber es gibt, das kann man nicht bestreiten, auch eine gewisse Befriedigung wenn man ein wirklich kniffliges Projekt gemeistert hat.
    Man sollte sich eher auf die positiven Dinge im Leben konzentrietren!

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    1. Natürlich befriedigt das ungemein und Akademiker identifizieren sich stark mit ihrer Arbeit und vor allem mit ihren Projekten, was fast an Selbstausbeutung grenzt. Da muss man aufpassen. Ich fühle mich mittlerweile wieder gut, weil die Mehrarbeit Früchte trägt und ich auch wieder Zeit finde, mich anderen Sachen zu widmen.

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  7. Die Lösung steht ja schon im Artikel. Werde Freelancer und Rechne pro Stunde ab. Dann wird deine Mehrarbeit automatisch honoriert, weil du dann eine fette Rechnung schreibst.

    Gruß Jens

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  8. Nimm 'mal Deine Projekte etwas lockerer. Es ist erstaunlich wie die Dinge trotzdem laufen, wenn man sie an der langen Leine lässt. Ehrgeiz und Detailbesessenheit durch Abgebrühtheit und Weitsicht erstezen, das hilft kann ich nur aus eigenere Erfahrung sagen.

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  9. Man muss eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Privatleben finden. Wenn man jung ist, kann man dem Körper einiges zumuten. Mutet man ihm aber auf Dauer zu viel zu, wird man nicht alt bzw. nicht ohne Verschleißerscheinungen. In manchen Berufen lockt vielleicht das große Geld, aber manchmal muss man da auch widerstehen können. Da du ja recht sparsam lebst, musst du nicht auf jeden Euro schauen. Ich selbst habe kein Problem mit Überstunden oder auch ab und zu mal samstags arbeiten (vor allem, wenn man viel Berufserfahrung gewinnt), aber Standard soll das nicht werden.

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