Dienstag, 2. Juni 2015

Meine nützlichen Idioten


Regelmäßig schlägt mir Youtube vor, dass ich mir doch irgendwelche Trader-Videos anschaue. Ich sah mir vor ein paar Jahren die N24-Reportage über das Daytrading an; das hat sich Youtube gemerkt. Hier ist die Reportage, die ich etwas erheiternd finde:


Die Wahrheit ist: Ich bin nicht nur skeptisch, was das Daytrading angeht, sondern lehne es kategorisch für mich ab. Ich bin der Auffassung, dass man damit langfristig nicht viel Geld machen kann. Genauso könnte man Lottospielen.

Daytrader handeln Aktien, ohne dabei zu schauen, um was für Unternehmen es sich eigentlich handelt, welche Geschäftszahlen es vorgelegt hat, welche Perspektive das Unternehmen hat. Der Chart wird losgelöst vom inneren Wert des Unternehmens betrachtet.

Drei Daytrader sind mir aufgrund der N24-Reportage bekannt: Birger Schäfermeier, Carsten Umland und "Koko" Petkov. Wenn man sich das aber genauer anschaut, stellt man fest:

1. Als die Reportage gemacht wurde, war Schäfermeier der einzige, der auch durch Schulungen übers Daytrading Geld verdiente. Umland hatte Startkapital als Angestellter aufgebaut, Petkov war Autohändler und hatte auch ein nettes Sümmchen zusammen. Heute machen alle in Schulungen. Warum, wenn Daytrading so erfolgreich sein soll? Um mehr zu verdienen oder um überhaupt etwas zu verdienen? Es ist ganz einfach: Um mehr zu verdienen, würde ich an deren Stelle das Programmieren lernen und ein Programm schreiben, das das Daytrading übernimmt. Da sie das nicht machen, muss ich annehmen, dass durch das Daytrading gar nichts reinkommt und die angebotenen Schulungen der letzte Rettungsanker einer sonst gescheiterten Existenz ist.

2. Die schwätzen viel. Schäfermeier beispielsweise sagt, Trading sei das ehrlichste Geschäft der Welt, nur die Leistung (und nicht wie man aussieht) zähle, die Börse hätte auch noch morgen geöffnet. Mit der Einstellung könnte man auch Zoowärter werden. Auch das ist ein sehr ehrliches Geschäft: Die Tiere scheren sich einen Dreck darum, wie man aussieht, wie man sich kleidet, ob man schwarz oder weiß ist. Und auch der Zoo hat morgen noch geöffnet. Im Gegensatz zur Börse sogar sonn- und feiertags. Und die Tiere sondern zuverlässig Haufen ab; es gibt also immer was  zu tun, selbst wenn der Zoo für Besucher geschlossen haben sollte.

Hier eine kleine Kanonade an Geblubber:



Er redet viel und sagt nichts. Man soll Feedback aufnehmen, aber man soll ignorieren, was die anderen sagen und schreiben. Man soll diszipliniert seine Strategie fahren, aber flexibel bleiben.

Die Videos von Koko Petkov sind ähnlich. In einem Video fuchtelt er mit einer Menge Bargeld herum:


3. Sucht man mit Hilfe von Google nach Daytrading, findet man die einschlägigen Seiten und Foren. Es gibt natürlich Glücksritter, die damit prahlen, sie könnten vom Daytrading leben. Die machen angeblich jeden Tag einen Prozent Rendite, wovon sie 80 % verkonsumieren. Was heißt das, wenn das restliche Geld reinvestiert würde? Bei 250 Handelstagen: 1,002 ^ 250 = 1,648. Also knapp 65 % pro Jahr. Wie soll das gehen? Bei 100000 € Startkapital könnte man sich so innerhalb von 20 Jahren 2,2 Billionen € Vermögen aufbauen. Die reichsten Menschen haben aber gerade mal etwas im zweistelligen Milliardenbereich.

Man kann auch anders herum rechnen. Durchschnittlich erwirtschaften Aktiengesellschaften 10 % Rendite. 1,1 ^ (1/250) = 1,000381313. Also sind 0,38 Promille Rendite pro Tag erforderlich. Angenommen, man benötigt 3000 € netto für den Lebensunterhalt, bei 20 Handelstagen im Monat müssten pro Tag 150 € Gewinn erzielt werden. Dann sind 150 € / 0,38 Promille = 150 € / 0,00038 = 394736,84 € Einsatz notwendig, nur um so gut zu sein, wie ein Buy-and-Hold-Investor. Natürlich wird viel mit Fremdkapital gehebelt, aber dadurch steigen Verbindlichkeiten, das Risiko und der Druck.


Daytrader bilden eine abgeschlossene soziale Gruppe. Man zitiert sich gegenseitig, was sich dann hochschaukelt und die Urteilsfähigkeit manipuliert. Das ist eine eigene Welt, in der man sich selber vergaukelt, man hätte eine realistische Chance, vom Daytrading zu leben. Die Erfolgreichen brauchen die Gescheiterten, als Bestätigung, dass es doch etwas mit Können zu tun habe. Die Einsteiger brauchen die Erfolgreichen und die vormals Gescheiterten, um sich selber zu überzeugen, es hat etwas mit den eigenen Fähigkeiten, die man trainieren kann, zu tun. Dass es etwas mit Glück zu haben könnte, wollen sich die Daytrader nicht eingestehen. Bei so vielen Leuten, die ihr Glück versuchen, muss es aber zwangsläufig eine kleine Gruppe von Leuten geben, die über lange Zeit Erfolg hatten. Und die können ihren Erfolg vermarkten in Interviews, in Büchern, in Seminaren. Als Trainer für Daytrading hat man dann direkten Einfluss auf die Strategie der Seminarteilnehmer und hat damit einen Informationsvorsprung.

Da es keine Daytrader in die Forbes-Liste geschafft habe und auch nur wenig Spekulanten, sondern nur Langzeitinvestoren und Unternehmer, sollte zu denken geben. Vermögen baut man langfristig auf, mit emsiger Arbeit, mit ständiger Fortentwicklung und mit Reinvestitionen.

"Koko" Petkov war als Autohändler mit 26 Jahren zum Millionär geworden. Er jammerte, dass er so viel Arbeiten musste, manchmal 16 Stunden am Tag. Aber das ist nunmal der Preis eines jeden Wohlstandes. Ich habe als Student auch 70-Stunden-Wochen (Summe aus Bildung und Arbeit für Geld) hingelegt, weil ich das so wollte.  Ich habe für den Projekterfolg in meiner Firma auch schon Sonntagsarbeit geleistet und 20-h-Stunden-Tage kenne ich auch. Die Million ist natürlich noch nicht dabei herausgesprungen, weil ich als Angestellter nicht den großen Einfluss habe. Aber ich investiere einen Großteil meines Gehaltes und meine Boni in Unternehmungen, von denen ich überzeugt bin, dass die mir auf Dauer Rendite bescheren. Man stelle sich vor, "Koko" hätte sein Vermögen in langfristige Investments gesteckt. General Mills gab es von 2010 bis 2012 für um die 30 € pro Aktie. Angenommen, er hätte 30000 Aktien davon gekauft. Diese wären heute 1,5 Millionen wert. Es hätte stetig Dividenden gegeben. Er hätte kürzlich 13200 $ Quartalsdividende eingestrichen. Im Gegensatz zum Day-Trading-Ansatz hätte er sogar Zeit, sich um andere Sachen zu kümmern.

Warum ich den Beitrag mit "Meine nützlichen Idioten" betitelte? Weil Daytrader für Liquidität an der Börse sorgen. Auf diese Weise kann ich jederzeit Aktien kaufen und verkaufen. Ich rate vom Daytrading ab. Es ist zeitaufwändig und gefährlich. Die meisten Daytrader verlieren nicht, weil sie zu nassforsch rangehen, sondern weil es Teil des Spiels ist.

Kommentare:

  1. "Da es keine Daytrader in die Forbes-Liste geschafft habe und auch nur wenig Spekulanten, sondern nur Langzeitinvestoren und Unternehmer, sollte zu denken geben."

    Dem ist fast nichts hinzuzufügen.

    Ich kenne das Video und fand die Typen auch drollig, allen voran Koko, der mir aber eigentlich leid tat. Seine Trading-Versuche als 'Praktikant' im Hause Schäfermeier waren ebenso bühnenreif wie entwürdigend. Es fehlte nur noch, dass er ihn um Kredit für den nächsten Trade angefleht hätte...

    Auf dem Laufband im Fitness-Studio laufend sehe ich auf NTV und N24 immer ohne Ton die Werbespots für Trading-Software. Da erhalten listig dreinschauende Männer (immer nur Männer) durch tolle Software den entscheidenden Informationsvorsprung vor der Herde und werden offenbar Millionäre ;-)

    Ich muss dann immer grinsen und komme etwas aus dem Tritt. Währenddessen sehe ich dann unten im Ticker viele meiner Buy-and-hold-Aktien durchlaufen und erfreue mich meines stressfreien Vermögensaufbaus...

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  2. Die genannten Herren sind mir auch bekannt. Anfangs meiner ersten eigenen Börsengehversuchen war ich auch der Meinung, wenn viel Zeit Investiert wird in die Analyse (besonders die auf den ersten Blick kompliziert ausschauende Charttechnik) kann eine bessere Rendite erzielt werden.
    Über 2 Jahre hinweg täglich ca 1-2 Stunden in Chartanalyse gesteckt, diverse Bücher zum Thema gelesen, viel Gehandelt.

    Unter dem Strich ist NICHTS dabei herausgekommen. Durch stringentes Risikomanagement habe ich zum Glück kein Geld verloren. Wobei wenn man es genau nimmt gegenüber der Marktperformance S&P500 und DAX locker 20% fehlen.

    Seitdem (Jan2013) führe ich ein mit ruhiger Hand geführtes Investmentdepot das hauptsächlich aus ETF´s besteht. Viel gewonnene Zeit und mehr Rendite ;-)

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    1. warum kauftst du dann nicht gleich die Indizes statt irgendwelche Versuche? 1-2 Stunden am Tag über 2 Jahre sind kein traden, sorry! Ich weiss ja nich wie ihr euch das vorstellt, aber 4-5 Stunden am Tag traden, können sich nur trader leisten, die schon mal in ihrer trading Vergangenheit, wirklich Tag ein Tag aus 8-16 Stunden traden, sich belesen, den Markt Sentiment verstehen, die fundamentale wissen und vor allem es wissen, wie sie ihre Gewinne und noch wichtiger Verluste managen! May the pips be with you!

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  3. Daytrading funktioniert. Aber nur für absolute Profis. Die schauen auch ins Orderbuch und fischen die Kleinen entsprechend ab. Da mischen die großen Banken und einige wenige Spezialisten mit. Der Normalbürger kann da nicht gewinnen. Bei längerfristigen Trading, wo man über Tage, Woche oder Monate in einem Wert ist, schaut es schon besser aus. Aber das ist nicht das Thema.

    Der Vergleich mit dem Zoowärter ist wunderbar. Einfach köstlich.

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  4. Zu der Reportage gibt es auch noch einen zweiten Teil:
    http://www.youtube.com/watch?v=lxaNIdlMybc

    Ich schaue sie mir zur Erheiterung immer wieder gerne an und erinnert mich dabei an den Spruch, dass beim Goldrausch vor allem die Schaufel-Verkäufer reich wurden ;)

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  5. Von den Interviewten in den Market-Wizards-Büchern hat es immerhin fast ein Dutzend in die Forbes 500 geschafft, keinen von denen hat einen langen Anlagehorizont, wenngleich sie auch nicht unbedingt Daytrader sind.

    Die Idee von Koko mit Tradingstipps vom Jakobsweg finde ich zumindest halbwegs orginell.

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  6. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  7. Lustig das so ein Beitrag gleich Linkspammer anlockt. =)

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  8. Schäfermeier "Trade nie ohne Vorteil!, das wäre wie ein Kasino das die 0 nicht hat". Das Problem der Daytrader ist nur: Die sind die Spieler im Kasino, nicht die Betreiber der Kasinos! Die 0 spielt daher immer gegen sie!

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  9. Ich habe solch Bockmist schon lange nicht mehr gelesen, vielen dank dafür! PS: Wie ich zu dieser Meinung komme?! Ich trade seit über 10 Jahren und das bis zu 18 Std. am Tag. Angefangen mit 15.000€!!! Ja, ich habe es geschafft, ich lebe davon!!! Ich finde es absolut unangebracht, das ein dahergekommener der null Ahnung von der Materie hat, sich so zu äußern!!! BITTE LÖSCHEN SIE DIE SEITE DAMIT WÜRDEN SIE WEIT MEHR ERREICHEN...

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    1. Das kann jeder behaupten, dass er vom Daytrading lebt.

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  10. Hi, ich finde den Beitrag sehr gut und sehe die Szene ebenfalls sehr kritisch. Zwar vertrete ich die Meinung, dass man doch vom Trading leben kann, aber das nicht jedermanns Sache ist und man eben einiges an Zeit investieren muss, um bestehen zu können. Ich persönlich sehe die Profis nicht in Deutschland sondern in den USA. Dort findet man eher Profis, die regelmäßig Gewinne aus dem Markt ziehen. Die Einstellung gegenüber dem Trading ist auch eine andere: Hier ist man der Auffassung, dass es wildes Gezocke ist. Dort sieht man das als Beruf und verhält sich dementsprechend. Aufgrund der hiesigen Werbung und Leuten wie Koko sind viele dazu verführt zu denken, dass man nach 8h Malochen nach Hause kommt und schnell ein Vermögen ertradet. Sieht man sich beispielsweise die Market Wizards an, stellt man fest, dass diese im Schnitt ein Jahrzehnt nur verloren bis es "Klick" gemacht hat.
    /gg

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  11. Hierzu kann ich auch gerne einen Beitrag verlinken:http://www.theeviltrader.com/2016/02/12/neue-zeiten/

    Falls das nicht gestattet ist mit der Verlinkung, bitte löschen. Danke.
    /gg

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  12. Ich sehe das naturgemäß nicht ganz so, wie du es beschreibst.
    Gut ich bin noch nicht am groß Gewinne scheffeln, die Verluste verhindern das noch :-)
    Aber es reicht schon für ein kleines Einkommen und das mittlerweile über Monate regelmäßig.
    Das Problem, was ich habe und was auch andere wohl haben werden, wenn die Einsätze zu hoch werden gehen die eigentlichen Probleme los.
    Das wird auch der Grund sein, warum du in den Forbes Listen keine Daytrader siehst. Geht es um tausende bis sogar Millionenbeträge wird die Luft ganz schnell eng, wenn es mal nicht so läuft. um 100 Eur am Tag zu machen bedarf es nur kleiner Handelsgrößen, das Risiko ist überschaubar, nur wird man damit eben nicht reich, ist eher ein schönes Neben bzw. nur ein kleines Haupteinkommen.
    Deswegen auch mein Blog,(indikatortrading.de) so kommt zum gewonnenen Lernerfolg auch etwas Provision bei rum, so ähnlich könnte es auch mit den Schulungen von Schäfermeier und Co. laufen, die Einnahmen sind das eine, das ständige damit befassen ist eine große Hilfe zum weiterkommen.

    Gruß,
    Lars

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  13. Ich finde man sollte sich immer eine Sache ganz angucken und sich ein eigenes Bild machen. Jeder der Traden lernen möchte muss es von jemanden lernen der es kann. Ich habe mich ausbilden lassen und nur so habe ich es geschafft profitabel zu Traden.

    Beste Grüße

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  14. Hatte mal kurzen Kontakt zu diesem Koko.
    Seine Seriosität entspricht die einer dieser ominösen Kaffeefahrtenanbieter, bei denen auch das vermeintlich "absolut beste" für teures Geld versprochen wird.
    Zu seinen Youtube Videos muss ich sagen dass Kommentare mit der nur der leisesten Kritik sofort von ihm gelöscht werden.
    Also reine Werbung.
    Gerne tritt er auch als Wohltäter auf, welcher bei seinen Veranstaltungen drauf legt, spätestens hier wird sein Spiel offensichtlich.
    Grüße

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