Freitag, 31. Juli 2015

Ich spare, weil...

Finanzrocker hat zu einer Blog-Parade aufgerufen und ich fühle mich berufen, meinen Senf dazu beizutragen. Eigentlich viel interessanter ist die Frage, warum ich über investiere und Vermögen aufbaue. Denn das Sparen besteht ja nur darin, bei den Ausgaben einzusparen und Gelder wegzulegen und das mache ich ja, um Mittel für die Investitionen zu haben. Warum also ich investiere ich? Warum baue ich Vermögen auf?

Dazu gibt es zwei Antworten: 1. Aufgrund meiner Erziehung kann ich nicht anders. 2. Ich möchte mir Zeit "kaufen".

Meine Eltern waren sparsame Menschen. Das können sich heute viele gar nicht mehr vorstellen: Trotz zweier niedriger Einkommen haben sie dennoch die Mittel angehäuft, um ein Haus auszubauen. Und das bei drei Kindern, bei einer kostspieligen Nikotinsucht meines Vaters und bei nicht sehr klug gewählten Versicherungen. (Mein Vater unterschrieb einfach alles.) Wenigstens lernte ich, dass man das Glück nicht im Konsumrausch erhält.

Wenn ich heute manche Akademiker-Dinks (Dink: double income, no kids) höre, die jammern, sie könnten es sich nicht vorstellen, wie sie sich ein Haus finanzieren... Was soll man dazu sagen? Da bleibt mir einfach die Spucke weg.

Und natürlich spare ich, weil ich es will. Mein Ziel ist tatsächlich die finanzielle Freiheit. 25 % meiner Ausgaben werden bereits durch Dividenden gedeckt.  Ich werde bei der Erreichung der 100 % sicherlich weiterarbeiten wollen, weil ich meinen Beruf mag und ich gerne arbeite. Ich möchte aber in der Hinterhand den Trumpf halten, die kündigen zu können.

Das kann ich nur, wenn ich möglichst schnell ein kleines Vermögen aufbaue, das mir Einkommen einbringt. Obwohl ich anfangs dieses Ziel gar nicht verfolgte und es sich erst vor dreieinhalb Jahren herauskristallisierte, war davor meine Sparquote schon extrem. Die letzten zwei Jahre waren im Fokus dieses Zieles und ich habe einiges dazu gelesen und viel durchgerechnet.

Warum finanzielle Freiheit? Um mir Zeit zu kaufen. Denn dem Menschen fehlt vor allem Zeit. Ich möchte mehr Zeit damit verbringen, Dinge zu machen, mit denen ich mich stärker identifizieren kann. Ich möchte nicht in die Situation kommen, bis ins hohe Alter nach der Pfeife eines anderen tanzen zu müssen. Und wenn ich dann vielleicht ab 50 nur noch halbtags arbeiten muss, wäre das doch toll.

Da ich auch gerne Familie haben möchte, möchte ich für diese da sein. Ein Vermögen im Rücken hilft dabei, denn dann kann man sich Zeit nehmen. Sollte ich mal Enkel haben, möchte ich, dass sie sich daran erinnern, wie ich ihnen als Opa Geschichten vorlas oder mit ihnen durch Wälder wandern ging. Ich möchte nicht nur Vermögen hinterlassen, sondern vor allem schöne Erinnerungen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich ein guter Vater oder Großvater sein werde, habe ich doch immer ein offenes Ohr, bin nicht cholerisch, dafür aber sehr geduldig. Ich bin eigentlich genau so, wie mein Vater nie war. Und ich möchte keinem Kind der Welt so einen Vater zumuten, wie ich ihn hatte. Als ich Kind war, spielte er zweimal mit mir. Einmal ging es darum, irgendwas zusammenzuschrauben... da hat er fünf Minuten durchgehalten. Und dann hatten wir noch drei Partien Mühle gegeneinander gespielt. 10 Minuten. Also in der Summe 15 Minuten. Ich finde das armselig. Zum Vergleich: Mein Großvater kam uns einmal im Jahr besuchen und blieb nur wenige Stunden. Er hat sich fast immer zu mir auf den Boden gesetzt, mit mir geschraubt oder Legobausteine zusammengestöpselt. Und er hat nicht nach wenigen Minuten die Lust verloren. Das hat mich überwältigt, weil ich so viel positive Zuwendung gar nicht gewohnt war.

Und als Anmerkung an alle, die meinen, sie müssten ihre Kinder mit Spielzeug überhäufen: Mein Großvater investierte jeweils nur 30 Minuten Zuwendung (kostet nichts!) und nicht hunderte von Mark oder Euro, erzielte aber eine enorme Wirkung auf mich. Ich kenne eine junge Familie, da war das sechsjährige Mädel schon zwei oder dreimal in den USA. Das Kind hat viele Spielsachen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass der Vater viel mit seiner Tochter spielt. Später wird die Tochter bestimmt ihren Vater fragen: Warum hast du nicht häufiger mit mir gespielt? Dass die USA-Reisen und das Spielzeug viel Geld kosteten, wird vom Kind als Zuwendung nicht akzeptiert. Der Vater ging sogar Nebenjobs nach, weil das Geld sonst nicht gereicht hätte, aber die Leasing-Raten für einen fetten BMW mussten ja bezahlt werden. Wer für Geld arbeitet, verkauft seine Zeit; das darf man nie vergessen. Und dann würde ich als Familienvater lieber einen billigen gebrauchten Wagen fahren anstatt für meine Kinder nicht da sein zu können.

Es ist nicht nur so, dass man überall von Vernachlässigung liest und über die Schwierigkeiten, die sich dadurch für das Kind ergeben. Ich habe sie doch selbst gespürt und meines Erachtens wurden mir dadurch einige schwere Steine in den Weg gelegt: Geringes Selbstwertgefühl, schlechtere Bildung im Vergleich zu Gleichaltrigen, mangelndes Vertrauen darauf, dass mich irgendwer unterstützen würde. Vieles musste ich nach meinem Abitur erst erarbeiten. Es fehlt mir immer noch das Grundvertrauen darauf, dass man mir im Notfall hilft. Ich habe den Eindruck: Sollte mir was zustoßen, hilft mir keiner. Sparen ist damit auch das Resultat einer kleinen Psychose.

Ich spare und investiere also, um mir Zeit zu verschaffen. Und Zeit möchte ich haben, weil ich mich besser um meine zukünftige Familie kümmern möchte, und den Kindern eine bessere Bildung angedeihen zu lassen. Ich hätte auch kein Problem damit, der Frau den Rücken für eine eigene Karriere freizuhalten. Und für mich persönlich möchte ich auch noch mehr Zeit, um mich zu bilden. Es gibt so viel Literatur, die ich noch lesen, so viele Theaterstücke, die ich noch besuchen und so viele Musikstücke, die ich noch hören möchte. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass ich später mal Ehrenämter übernehme, wie z. B. in einer örtlichen Bibliothek oder in einem Sportverein. Open-Source-Software könnte man auch programmieren.  Und warum soll man in höherem Alter nicht auch noch ein Instrument lernen? Werner Heisenberg nahm mit über 30 noch Klavierunterricht.

Finanzielle Freiheit würde mir dabei helfen. Was ich für mein Glück gewiss nicht brauche:  Pauschalurlaube, dickes Auto, großes Haus, ständige Restaurantbesuche und Party. Ich bin irgendwie immun für die typischen deutschen Mittelstandsträume. Ich könnte ja darauf spekulieren, im Lotto zu gewinnen, aber da denke ich zu realistisch. Ich weiß, dass man selbst mit einem durchschnittlichen Angestellten die finanzielle Freiheit mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen kann, wenn man will. Aber dazu muss man sparen, sparen, sparen und dazu sind viele nicht bereit.


Kommentare:

  1. 'Werner Heisenberg nahm mit über 30 noch Klavierunterricht.'

    30 ist ja nun wirklich kein Alter. Bin jetzt 51 und hörte neulich, dass demnächst der erste Enkel ins Haus steht. Zeitig Eltern werden, dann sind die Voraussetzungen für viel Zeit mit der Familie schon mal günstig.
    Das andere Konzept überzeugt mich nicht so: wenn man erst mit 40 Kinder hat ist man beim ersten Enkel wahrscheinlich 80 ...

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  2. Ich spare auch, um Zeit zu gewinnen. Zeit für sich, ist das höchste Luxusgut, dass wir überhaupt haben. Die Lebenszeit ist begrenzt, irgendwann ist es aus und vorbei. Zack und Schluss. Ich werde bald 50 Jahre, da bekommt man in vielen Dingen einen anderen Blickwinkel als mit 20 oder 30. Ich spare, um eher in Rente zu können und damit es mir finanziell gut geht. Finanzielle Freiheit schaff ich nicht mehr, damit muss ich mich "abfinden". Jedenfalls möchte ich nicht mit 70 auf einen Nebenjob angewiesen sein. Wenn ich arbeiten WILL, ok. Wenn ich arbeiten MUSS, ein Graus.

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  3. Überlege mal ob Du nicht zu viel auf morgen projezierst und vergisst jetzt zu leben. Außerdem dürfte es Dir morgen schwer fallen mit dem doch wohl recht extremen Sparen wieder aufzuhören, denn es kann zur Sucht werden und ist dann Geiz, womit keine Frau wird umgehen können. Zumal je mehr Du hast, umso mehr wirst Du misstrauisch, sie wäre nur wegen Deines Geldes mit Dir zusammen. Sie sollte sie also besser nie wissen was Du verdienst und wie viel Du hast!

    Und vergiss nicht: Ein Geiziger der immer nur spart ist wie ein Hungriger der immer nur kocht, aber nicht zum Essen kommt!

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  4. Trotz gesündester Lebensweise sterben heute immer noch reihenweise Menschen mit Anfang/Mitte 50. Einfach so. Das Herz macht Schlapp, Krebs, Unfall usw. Traurig, aber wahr.

    Was ganz konkret habe ich davon, mich mit dem Ziel ab Mitte 50 endlich leben zu können einzuschränken, wenn ich noch nicht mal weiss, ob der liebe Herrgott mich so alt werden lässt. Vielleicht bin ich ab 60 gaga in der Birne und dann?

    Es gibt ja nicht nur "schwarz" und "weiss". Wir (kleine Familie) leben sehr gut, uns fehlt es an nichts. Wir sparen ca. 30% unseres Einkommens. Wir könnten noch mehr sparen, aber dann würden wir auf für uns wichtige Dinge, wie gute Lebensmittel und gemeinsame Ausflüge verzichten. Warum sollten wir das tun?

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  5. Ich glaube, lieber Couponschneider, Du würdest etwas anders leben/denken, wenn Du eine Partnerin und vielleicht sogar ein Kind hättest. Beides ist für mich das schönste Geschenk auf Erden und ich möchte JETZT Zeit dafür haben und mit denen leben. Konsequenz: Hier und da Einkommensverzicht, weniger zum Sparen usw.

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    1. Haben Sie meinen Text überhaupt gelesen? Da ich keine Familie habe, brauche ich heute nicht so zu leben, als hätte ich eine. Dann spare und investiere ich lieber, um dann, wenn ich Familie habe, ein umso besseres Leben haben zu können.

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  6. Hallo Couponschneider,

    ich bin einer anderen Meinung als die meisten meiner Vorgänger.

    Wenn man mal mit anderen Menschen über das Investieren, Sparen oder allgemein über Geld spricht, dann kommt immer das Argument man würde ja garnicht leben.
    Ganz ehrlich, für mich ist im Konsumrausch zu leben kein Leben. Ich wertschätze die Dinge viel mehr, wenn ich weniger besitze und mir nur ab und an etwas gönne. Zudem, natürlich kann man vom Auto überfahren werden oder ähnliches. Aber was ist wenn nicht. Was ist, wenn man sein Geld das ganze Leben über verheizt und dann im alter die Rente nicht reicht. Wer mit 70 noch Regale einräumen muss der hat in meinen Augen etwas falsch gemacht! Sorry.

    Viele Grüße
    Ric

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  7. Hallo Couponschneider,

    sehr schöner Beitrag. Bei vielen fehlt nicht nur die Bereitschaft zum Sparen, sondern sie sehen einfach nicht den Vorteil im sparen. Im hier und jetzt Leben, was die Zukunft bringt ist meist nebensächlich. Aber die Vielfalt macht die Menschheit nunmal aus und das wird auch immer so bleiben, von daher macht es nicht viel Sinn darüber nachzudenken. Wenn wir uns hier eine kleine aber feine Gemeinschaft aufbauen, mit Menschen die gern früher aufhören möchten mit arbeiten, weil sie dann das Leben intensiver erleben können, dann ist das doch auch ein schönes, gemeinschaftliches Ziel neben dem sparen.

    Viele Grüße
    FjodorForex

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  8. Hallo, starker Beitrag. Fleissig Depotaufbauen, am besten mit Dividenden, und dann zurücklehnen und das Leben genießen!
    Beste Grüße,
    Markus

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  9. Danke für den tollen Blog und diesen starken Beitrag. Motiviert durch Blogs wie diesen, habe ich in den letzten Tagen einen eigenen Blog gestartet: http://wegfinder.blogspot.de/

    Da ich schon seit längerem Plane, in den Aktienhandel einzusteigen und bei der Planung auf verschiedene Fragen und Hindernisse gestoßen bin, möchte ich in meinem Blog davon berichten, wie den Einstieg funktioniert.

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  10. Finde es toll, dass du der Familie trotz aktueller Kinderlosigkeit einen großen Platz im Leben einräumst. Ich drücke die Daumen, dass du mal ein guter Vater werden darfst. Mein Vater war Anfang 40 als ich geboren wurde. Ich habe sehr fürsorgliche Eltern, auf die ich mich immer verlassen kann. Nur bei finanziellen Dingen haben sie nicht die besten Entscheidungen getroffen, weswegen ich seit der Kindheit an darauf bedacht bin, es besser zu machen.

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