Samstag, 22. August 2015

Was die Gehirnzellen schwinden lässt: Die Mannschaftslaufbahn

Beim folgenden Beitrag werden wieder viele denken: "Oje, der Couponschneider und seine Komplexe.", oder: "Nicht schon wieder die Leier." Als erstes stelle ich folgende Aussage in den Raum: Es ist nicht gut, jede sich erstbietende Gelegenheit zu nutzen, um mehr Knatter zu machen. Das ist recht banal: Den Hahn, der das meiste Fleisch ansetzt, schlachtet man doch nicht sofort, sondern steckt ihn ins Zuchtprogramm. Viele von uns werden eine Ausbildung gemacht haben, ob nun einen Lehrberuf oder ein Studium... es kommt aufs gleich hinaus. Anstatt bei erstbietender Gelegenheit seine Arbeitskraft zu verkaufen (für junge Männer z. B. als Handlanger auf dem Bau), verzichtet man ein paar Jährchen und lernt erstmal was gescheites.

Natürlich ist es okay, wenn man das zeitlich begrenzt macht, um etwas Kapital zusammenzutragen. Aber mir fällt nur eine Sache ein, von der ich dringend abrate. Ich habe es auch nie gemacht, ich habe aber einige gesehen, die es gemacht haben: FWDL oder SAZ bei der BW. Und letzteres dann noch, ohne eine Unteroffiziers- oder Offizierslaufbahn einzuschlagen. (FWDL: freiwillig länger dienend, höchstens 23 Monate; SAZ: Soldat auf Zeit, > 23 Monate)

2002/3 war ich Wehrpflichtiger und unser Bataillon suchte natürlich FWDLer und SAZler für den KFOR-Einsatz. Nicht wenige haben es gemacht. Und selbst wenn es in den Kosovo gegangen wäre, war es keine lukrative Angelegenheit. Beim Auslandseinsatz gab's ja wenigstens noch ordentlich Prämien obendrauf.

Für mich kam sowas nie in Frage. Der Grund ist folgender: Unglaublich deprimierend empfand ich schon die 9 Monate Wehrpflicht. Weniger die ersten drei Monate, eher die letzten sechs, selbst wenn die ruhiger waren. Aber diese Ruhe war das Fatale. Wo viele ungebildete junge Männer Langeweile haben, hat man kein gutes Umfeld. Auf meiner Stube war ein Klempner-Geselle, der jeden Abend die Glotze anhatte. Ich konnte nichts lesen. Der Tag spielte sich wie folgt ab: 7 Uhr antreten, danach ins Büro, 10:45 Uhr Mittagspause (unsere Kompanie musste als erste in die Kantine), dann kam mein Stuben- und Bürokollege auf die Idee, danach doch einfach Mittagsschlaf zu machen. 13 Uhr wieder im Büro. 16:30 Feierabend und Abendessen. Und das tagein, tagaus. Ich brachte mir noch Lektüre mit, so die ZEIT, die ich abonniert hatte, und ein paar Fachbücher. Damit war ich ein Exot.

Ganz furchtbar in Erinnerung habe ich die Begegnung mit bestimmten HGs (Hauptgefreiten). Einmal erwähnte ich, ich würde nach der Wehrpflicht studieren. Da kamen dann gleich patzige Antworten wie: "Und wer bezahlt's? Bestimmt Papi." Ich antwortete nicht weiter drauf. Erstens wäre es nicht ehrenrühriges, wenn die Eltern einen finanziell unterstützen und zweitens war zu dem Zeitpunkt meine Mutter schon tot und mein Vater von der Arbeitslosigkeit bedroht. Unterstützung konnte ich nie erwarten. Die Firma machte dann tatsächlich pleite und er war arbeitslos für viele Jahre. Der patzige HG hatte übrigens die ehrenvolle Aufgabe, die ABC-Schutzmasken sauber zu halten.

Diese Sorte HG erkannte man schnell im Bundeswehrbetrieb. Ständig schlechte Laune, pampig gegenüber Niederrangigen, wenn diese wahrscheinlich bessere Chancen haben. Sowas wurde dann mangels anderer Angebot im privaten Sektor Soldat auf Zeit, um erstmal eine Zeit zu überbrücken, nicht um sich Startkapital für eine Investition (z. B. Studium) zu besorgen. Die Sorte HG kaufte sich vom erstbesten großzügigeren Sold dann einen Laptop, nur um Spiele zu zocken. (Ich kaufte mir einen alten gebrauchten, um zu lernen.)

Nach einigen Jahren werden dann die SAZler entlassen. Wenn die ein Studium beginnen, geht das meistens nach hinten los. Habe ich einige Male beobachten können. Dann wird das Studium abgebrochen. Man verlernte das Lernen während der Bundeswehrzeit. Und wer dann nicht die Kraft oder den Mut aufbringt, sich in der Kaserne Freiräume zu schaffen, der verblödet. Ich konnte mir Freiräume schaffen, indem ich einen leeren Gemeinschaftsraum nutzte und später zum Heimschläfer wurde.

Der Grund, warum mir dieses Thema auf den Nägeln brennt? In meinem Bekanntenkreis ist jemand, der sein Leben im Prinzip weggeworfen hat. Nach dem Abitur, gerade so mit Ach und Krach geschafft, erstmal vier Jahre Bundeswehr, aber dann auch nur Stabsgefreiter (keine Laufbahn zum Unteroffizier oder Offizier eingeschlagen). Danach hochtrabend erzählte er, er würde studieren wollen... hat nicht geklappt. Nach einem halben Jahr fiel ihm auf, dass die Vorlesungsfolien auf Englisch waren. Er brach das Studium nach einem Semester ab. Ich glaube, er hatte während der ganzen Zeit nur "World of Warcraft" gezockt. Auf die wenigen Bewerbungen auf Lehrstellen gab es nur Absagen. Dann hatte er anderthalb Jahre von der Substanz gelebt und ist nun wieder bei der Bundeswehr. Die nehmen anscheinend jeden. So ein Oberstabsgefreiter (der er heute ist) ist in der Besoldungsgruppe A5 und bekommt gerade mal etwas mehr als 2000 € brutto. Da bleibt hinterher nicht viel übrig, irgendwas bei 1600 € bis 1700 € netto. Das hört sich für manche Leute viel an, ist es aber nichts angesichts der Möglichkeiten, die einem offen stehen, wenn man schon mal ein Abitur hat. Außerdem lernt man da auch nichts. (Ich kenne auch einen, der nach langem Hin und Her Barkeeper wurde, und denkt, 1200 € netto wäre ein gutes Gehalt.) Wenn er die Bundeswehr endgültig verlässt, denn Mannschaftsdienstgrade werden keine Berufssoldaten, ist er Mitte 30. Der schlechte Umgang und der dazugehörige Alkohol wird die restlichen Gehirnzellen dahinraffen.

Danach steht er ohne Ausbildung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Er kann nur seine plumpe Muskelkraft als Handlanger verkaufen. Armut im Alter ist vorprogrammiert.




Kommentare:

  1. Die Erfahrungen, die bei der Bundeswehr gemacht werden ähneln sich doch sehr ;-).
    Mit fiel damals vor allem auf, daß die Leute, die länger dort waren für ihr Alter immer schon sehr alt aussahen. Das lag meistens wohl am Alkohol- und Nikotinkonsum. Vom Kopf her waren viele ob Wehrdienstleistende oder Zeit-/Berufssoldaten schon nahe an der Demenz.
    Das einzig positive an der Erfahrung "Bundeswehr" ist für mich vielleicht gewesen ein breiteres Bild über die Bevölkerung in Deutschland zu gewinnen - auch wenn das nicht immer positiv war. Im normalen Schul-/Berufsalltag ist man doch immer von Menschen umgeben, die auch der eigenen sozialen Gruppe angehören. Ich habe heute - einige Jahre nach meinem Wehrdienst - manchmal den Eindruck als würde ich mich von Insel zu Insel bewegen. Von der Familieninsel zur Berufsinsel zur Freizeit- und Hobbyinsel. Auf all diesen Inseln begegnen mir Leute, die mir ähnlich sind. Das war bei der Bundeswehr anders.

    Das Thema Bundeswehr und Finanzen hängt für mich deshalb zusammen, weil ich damals von meinem Entlassungsgeld meine ersten Aktien gekauft habe. Die besitze ich zu großen Teilen immer noch. Gerade gegen Ende der Dienstzeit machten sich viele fast nur Gedanken darüber wie sie genau dieses Geld ausgeben könnten. Wenn ich mich recht erinnere wurde am letzten Tag ein Teil des Geldes sogar bar ausgezahlt, woraufhin einige sich zum gemeinsamen Bordellbesuch verabredet hatten. Gerade die Leute, die durch Auslandseinsätze zu relativ viel Geld gekommen waren, konnten gar nicht damit umgehen.

    Besonders ist mir der Satz "Das ist doch viel Geld für dich" im Hinblick auf den eher kargen Sold als Wehrdienstleistender in Erinnerung geblieben. Den Satz habe ich mehrfach auch von anderen Wehrdienstleistenden gehört, die schon eine Lehre hinter sich hatten (hab' direkt nach dem Abitur Wehrdienst gemacht) und daher wie sie sagten "an mehr Geld gewöhnt" seien. Was für ein Blödsinn!

    Jedoch waren nicht alle so dumm. Es gab auch einige wenige, die aufgrund ihres familiären Hintergrundes nicht so ohne weiteres ein Studium finanzieren konnten (klar es gibt die Alternative Bafög). Einige waren als Offiziersanwärter dabei, andere haben gezielt bescheiden gelebt (Kost/Logis ist ja bei der BW frei), um nach einem festen Austrittsdatum ihre weitere Ausbildung anzugehen.

    Besonders erbärmlich war eine Erfahrung im vorletzten Monat meiner Zeit bei der Bundeswehr. Der Berufsförderungsdienst bot (kostenlos) eine Fortbildung zum Gabelstaplerfahrer an. Einige meiner Stubenkollegen, mit Abitur und dem Studienbeginn im Blick sowie auch ich haben uns aus Spaß dafür angemeldet. Wir haben dann noch ein wenig Werbung gerade bei den Leuten gemacht, für die so eine Fortbildung wirklich ein bescheidener Weg weg von der HartzIV Zukunft hätte sein können. Ergebnis: kein Interesse. Es wurden die tollsten Ausreden erfunden, warum man dieses kostenlose Angebot nicht wahrnehmen könne.
    Der Kurs (2-3 Tage) in einer anderen Kaserne hat dann letzlich wirklich Spaß gemacht. Durchfallquote: 0% - jeder hat dann den Staplerschein gehabt.
    Genutzt habe ich ihn dann nie wirklich. Vor dem Studium bin ich mal drei Wochen in einem Kranbaubetrieb Stapler gefahren. Für mich war es also letzlich nicht wichtig den Schein zu machen. Für andere wäre es eine kleine Qualifikation gewesen die ihnen (bescheidene) Möglichkeiten eröffnet hätte.

    Uns (in Deutschland) geht es einfach zu gut.

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    1. Wenn man das liest, denkt man, Sie waren im selben Bataillon wie ich.

      Wir hatten Kompanietruppführer, ich schätzte ihn auf Ende 50. (Ich wusste nicht, dass Soldaten mit 53 pensioniert werden.) Tatsächlich war er erst 38 Jahre alt. Man mauschelte, dass er viel Alkohol trank.

      In meinem Ausbildungszug waren wir ganz viele Abiturienten. Drei Tage zuvor bekamen wir Zeugnisse. (Ein Mitabiturient war dann zufällig in der Stube neben mir.) Wir hatten einen mit Hauptschulabschluss. Der hat sich vom ersten ausgezahlten Sold einen MiniDisc-Player gekauft. 2002 war das. Komplett verballert für eine damals schon veraltete Technologie.

      Mein Entlassungsgeld habe ich auch gut angelegt: In mein Studium. Ich ärgere mich heute, dass ich den Sommer 2003 so schlecht genutzt habe. Ich weiß nicht, ob ich damals etwas jobben hätte können, da die Arbeitslosigkeit ohnehin sehr hoch war und selbst in meiner Familie plötzlich drei Leute von der Arbeitslosigkeit betroffen waren. Aber ich hätte öfter mal in die Natur rausgehen können, was ich heute sehr gerne mache. Aber ich steckte die Nase vor allem in die Bücher.

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  2. Moin,

    bei dem ganzen Text stellt sich mir nur eine Frage, warum keinen Zivildienst?

    mfg Michael

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    1. "Warum kein Zivildienst?"

      Zunächst einmal finde ich auch den Zivildienst sehr wichtig - schade, dass es ihn nicht mehr gibt. Es ist unsinnig zu meinen man könne "ein Jahr sparen". So funktioniert das richtige Leben nicht. Ein völlig stromlinienförmiger Weg zur ersten Anstellung führt kaum zur Ausprägung einer gestandenen Persönlichkeit.

      Ich bin der Meinung, dass eine (kurze) Wehrpflicht nach wie vor wichtig und richtig ist.
      Gerade meine Erfahrungen bei der Bundeswehr haben gezeigt, dass so ein Laden dringend von Zeit zu Zeit quasi durchgelüftet werden muß. Ein stetiger Strom an neuen Wehrdienstleistenden, die ja zunächst mal mit einer Zivilistendenke in die Kaserne kommen führt denjenigen, die große Teile ihres Berufslebens dort verbringen vor Augen, dass der Kommiss hinsichtlich Umgangston, Hackordnung, intellektueller Anspruch etc. nicht die Normalität ist. Die Idee des Bürgers in Uniform, der dazu beiträgt das Militär gewissermaßen zu erden ist sehr gut.
      In vielen Ländern der Erde bedeutet militärische Macht auch politische Macht - auch in der Innenpolitik. Militärdiktaturen sind weit verbreitet. Die Möglichkeit einer Militärdiktatur in Deutschland mag absurd erscheinen, ein Argument für eine Kontrolle ("Kontrolle durch Teilnahme") des Militärs durch den Bürger ist es aber auf jeden Fall.

      Ehrlich gesagt wüsste ich nicht wie man ein Militär groß anders als die Bundeswehr organisieren sollte. Die Menschen, die dort freiwillig länger hingehen sind nun mal so wie sie sind, auch wenn's bedauerlich ist.
      Ganz ulkig sind für mich heute auch Leute, die nie dort waren sich aber anmaßen große Reden über den Sinn und Unsinn oder die Struktur einer Armee zu halten. Insofern schätze ich die Erfahrungen, die ich im Wehrdienst gemacht habe - auch wenn's nicht "schön" oder locker war. An das Sylvester an dem ich Wache halten musste werde ich mich noch im Altersheim Waldesruh' erinnnern. Wo ich ein Jahr vorher und nachher war habe ich schon vergessen :-).

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    2. Ich hatte ja nur zwei Begegnungen mit dem Militär. Das erste mal bei der Musterung, wobei ich immer noch vor Lachen sterben könnte wenn ich an den Tag zurück denke. Ich kann mich noch erinnern an einen Hörtest wo ich mich beklagte, dass das Hintergrundrauschen im Raum zu stark wäre um etwas zu hören. An irgendwelchem alten Computerkisten mussten wir Tests machen ich meine innerhalb von max. 2h. Bei den letzten Tests hatte ich keine Lust mehr und hab einfach immer das falsche angeklickt. Im Raum waren etwa 5 Leute, 3 Personen die verzweifelten, ich und ein anderer die nach 40 Minuten den Raum verließen und nicht wußten ob wir lachen oder weinen sollten. Danach gings zum Psycho der eigentlich nur wissen wollte warum alle Antworten mehr oder weniger perfekt waren bis auf die letzten zwei/drei. Nach meiner Antwort, das ich keine Lust mehr hatte mußte der Herr auch laut Lachen :D. Den Rest des Tages bin ich Barfuss durch den Laden gelaufen und hatte noch jede Menge Spaß. Ich glaube manche Leute da hätten ihre Großmutter verkauft um mich in den Dienst zu zwingen :). Das sollte übrigens nicht abwertend ggü. dem Dienst sein, aber dieser Tag eijeijei :D. Und was den Zivildienst betrifft, das war schon eine schöne und lehrreiche Zeit. Das Geld was ich zum Abgang erhalten hatte wurde in einen Fernseher und in ein paar Videospiele investiert ..

      Nuja damit hatte ich auch viel Spaß und irgendwann bin ich auch auf den Trichter mit Aktieninvestionen gekommen. Spekulieren mit brauchbaren Ergebnissen tuhe ich übrigens auch, aber das scheint ja in der Welt der Dividendeninvestoren unvereinbar.

      mfg Michael

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  3. 1. Ich wusste ja nicht, was mich damals bei der BW erwarten sollte.

    2. Ich auch sonst kein Problem mit dem Dienst an der Waffe. Zivildienst ist Ersatzdienst!

    3. Der Wehrdienst dauerte 9 Monate, Zivildienst 10 Monate. Ich wurde am 1. Juli eingezogen und kam Ende März wieder raus. Ich hätte am 1. April mit dem Studium beginnen können, aber mein Studium konnte man nur zum 1. Oktober beginnen. Wusste ich leider nicht. Dafür hatte ich einen entspannten Sommer 2003, ich lernte einige, las dieses und jenes.

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