Mittwoch, 13. Januar 2016

Unwort des Jahres: Immer wieder ein Ärgernis.

Ich bekenne mich dazu, dass ich von den bislang gewählten Unwörtern des Jahres nicht viel halte. Dass "Gutmensch" zum "Unwort des Jahres" gekürt wurde, hatte sich ja seit Jahren angekündigt. Ich verstehe es nicht, da es deutlich negativere Titulierungen gibt. Zudem finde ich die Begründung geradezu lächerlich,denn angeblich diffamiere der Begriff „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischen Imperialismus“.

Ich halte es verkehrt, da noch niemand einen hilfsbereiten Menschen als Gutmensch bezeichnet hat, es sei denn, man hält Claudia Roth und Christian Ströbele für hilfsbereite Menschen. Das sind typische Gutmenschen. Ströbele beispielsweise fordert Toleranz für Graffiti-Sprayer, für RAF-Terroristen und für jugendliche Gewalttäter "mit Migrationshintergrund". Er meint auch, man solle sich nicht so haben, wenn am 1. Mai in Kreuzberg der eigene Mittelklassewagen in Flammen aufgeht. Wenn es gegen ihn oder seine Frau Gewalt verübt wird, dann lässt er auch schon mal einen 13-jährigen verklagen. Von uns aber verlangt er, wir sollen die gewaltverherrlichende und frauenverachtende Einstellung vieler junger Araber einfach so hinnehmen, wahrscheinlich als kulturelle Bereicherung. Er geriert sich häufig als guter Mensch, der Sorgen um den Weltfrieden hat, dann auch schon mal Israel kritisiert, wenn es beschossen wird, da der Weltfrieden gefährdet sei, wenn Israel weiter provoziere. Der Allgemeinheit hat er nie einen Dienst erwiesen. Keine Umgehungstraße, keine Steuersenkung, keine Wissenschaftsförderung. Ströbele ist Gutmensch par excellence. Für Leute wie ihn ist das Schimpfwort gemacht.

Einen guten Artikel gibt es auch auf der Achse des Guten. Mir gefallen die Analogie zum Besserwisser und der Ausflug in die französische Sprache, wo es das Wort "bonhomme" gibt.

Weil dort Professoren in der Jury sitzen, sollte man annehmen, dass die das sprachliche Handwerk draufhaben. Offenbar nicht, denn es hapert ja schon mit der Interpretation des Wortes "Gutmensch". Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass die ihre Unfähigkeit bewiesen haben. Das Wort "Humankapital" wurde auch schon zum Unwort. Die linken Scheuklappen waren erkennbar und offenbar wollte man lieber Politik machen, anstatt sich einfach an die Bedeutung des Wortes Kapital zu halten. Humankapital ist von seinen Verwendern sehr positiv gemeint.


Weitere Beispiele sind "Sozialverträgliches Frühableben" und "Tätervolk". Das "sozialverträgliche Frühableben" wurde von Karsten Vilmar, dem damaligen Vorsitzenden der Bundesärztekammer, benutzt. Er sagte wörtlich: „Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann, oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen. [...] Wird diese Reform so fortgesetzt, dann wird das die zwangsläufige Folge sein.“ - Man muss schon sehr große ideologische Scheuklappen haben, um die Ironie und die Intention des Sprechers nicht zu verstehen. Ich fand einen alten Welt-Artikel und war überrascht, dass vor 17 Jahren meine Gedanken so ähnlich formuliert waren.


Vollkommen entblödete man sich bei der Wahl von "Tätervolk" zum "Unwort des Jahres", eine Reaktion auf die Rede Martin Hohmanns. Er sagte:

"Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. [...] Daher sind weder „die Deutschen“, noch „die Juden“ ein Tätervolk. Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts."

Hohmann sagte, dass man zu den Juden Tätervolk sagen müsse, wie zu den Deutschen oder man soll beides sein lassen. Das muss man inhaltlich kritisieren, denn ein paar Juden in der Tscheka machen aus den Verbrechen der Kommunisten keine Verbrechen im Namen des jüdischen Volkes durch einen mehrheitlich jüdischen Staat. Hitler dagegen war vom deutschen Volk gewählt. Das sind zwei verschiedene Sachverhalte, die Hohmann gleichsetzt, seinen Antisemitismus ungewollt offenbart und deutsche Verbrechen relativiert. Ich finde den Begriff "Tätervolk" nicht verkehrt, wenn es stimmt ja in Bezug auf die Deutschen und ihren jüdischen Opfern. Auch das Verhältnis zwischen den Türken und Armeniern ist ein Verhältnis zwischen einem Täter- und Opfervolk. Es heißt ja nicht, was Individuen des Tätervolkes, nicht gute Menschen sein können. So wie es Deutsche gab, die Juden retteten, so gab es auch Türken, die aus Mitmenschlichkeit Armeniern das Leben retten.

Die Jury aber schoss sich auf den Begriff "Tätervolk" ein und kritisierte diesen wegen des "Kollektivschuldvorwurfs". Damit war man unbemerkt auf derselben Wellenlänge Hohmanns. (Oder vielleicht sogar bewusst?) Im Grunde gab man ein erbärmliches Bild ab, denn man war nicht fähig, eine banale Rede intellektuell zu begreifen, noch war man fähig, eine Begründung für die Wahl des Unwortes zu formulieren, die sich nicht geschichtsrevisionistisch anhört. Hohmann hat die Wahl und Begründung sogar als Zustimmung verstanden. Eine solche Pointe denkt sich niemand aus; sie muss passieren.

Ich wage eine Prognose: In den nächsten Jahren wird der Begriff "Dumm-Michel" zum "Unwort des Jahres" gekürt werden. Ein Wort, dass ich selber gelegentlich verwende und auch schon in Finanzforen gelesen habe, um die Deutschen und ihr typisches Anlegeverhalten aufs Korn zu nehmen. Bemüht man Google nach "Dumm-Michel", kommt man zu Oliver Janich (einem Sektierer der "Partei der Vernunft") und auch zu der NPD. Wenn der erste namhafte Politiker diesen Begriff verwendet, dann würde man ihn schelten, einen Begriff der Rechtsradikalen verwendet zu haben. Das kann noch heiter werden.

Ich frage mich, wann man endlich den Begriff "sozial schwach" geißelt, der  "finanzschwach" ersetzt hat. Da gäbe es sofort meine Zustimmung und das, obwohl ich nicht links bin. Ich wäre auch dafür, den Begriff "asozial" zu geißeln. Ich fand es mehr als merkwürdig, als Joachim Gauck diesen Begriff vor wenigen Jahren verwendete, obwohl er um die Historie dieses Begriffes wissen müsste. Und es ist nicht nur die Historie, sondern der kollektivistische Trugschluss bzw. die kollektivistische Perversion, dass jemand, der am Rand der Gesellschaft lebt, die Gesellschaft schädigt. Würde man die Begriffe "sozial schwach" und "asozial" aufspießen, dann hätte man eine interessante Diskussion, weil diese Wörter von vielen Menschen sehr unbedacht verwendet werden, in allen politischen Lagern und in allen gesellschaftlichen Milieus. Aber man konzentriert sich ja mehr auf Wörter, die einmalig fallen. "Betriebsratsverseucht" beispielsweise wurde einmalig verwendet und schwupp wurde es schon zum Unwort. "Sozialverträgliches Frühableben" wurde genauso einmalig verwendet und dann auch noch ironisch.

Ein weiterer Begriff, den man aufspießen könnte, wäre der "Mensch mit Migrationshintergrund". Wortwörtlich genommen umfasst er alle Migranten und alle hier Geborene, mit Migranten als Eltern, ob mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Aber praktisch sind damit nur arabisch- und türkischstämmige Menschen gemeint, um spezifische Probleme dieser Minoritäten als allgemeine migrantische Probleme herunterzuspielen oder um Statistiken zu frisieren.

Kommentare:

  1. Ich denke, "Gutmensch" als Unwort zu küren ist durchaus berechtigt. Die Verwendung dieses Wortes dient letztendlich schlicht dazu, jegliche Diskussion abzuwürgen bzw. jegliche Differenzierung zu verhindern. Es reicht schon der Hinweis, dass mit Sicherheit nur eine kleine Minderheit der angekommenen Asylbewerber kriminelle Triebtäter sind, um den Titel "Gutmensch" zu erlangen. Damit ist die Bezeichnung verteilt und die hysterische Minderheit fühlt sich argumentativ auf der Gewinnerseite. Gleiches ist umgekehrt mit den Begriffen "Nazi", "Rassist" oder "rechtsextrem" zu beobachten. Etikettierung statt Diskussion ohne Aussicht auf ein sinnvolles Ergebnis.

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    1. Der größte Blödsinn den ich seit langem gelesen habe. Was ist denn mit Verhöhnungen wie "Besorgte Bürger". Durch die stete Wiederholung dieses Begriffs werden die Menschen, die sich nun einmal Sorgen machen, aufs schändlichste ins Lächerliche gezogen. Und das ist dann kein "Unwort"? Ihren Hinweis darauf, dass nur eine kleine Minderheit der angekommenen Asylbewerber kriminelle Triebtäter sind, können Sie sich sparen. Das wissen auch die ärgsten Migrationsgegner und es gibt niemanden (!), der das jemals behauptet hat, was Sie hier zu widerlegen versuchen. Die "männlichen" Verhaltensweisen - spätestens seit Köln bekannt - zeigen doch nur die hässliche Fratze der "Kultur", welche wir uns zu Hauf gegen den Willen der Bevölkerung importieren. Die Missachtung der Frau ist doch nur einer von vielen Auswüchsen, die die "Kultur" des Islams so mit sich bringt. Und das passt insgesamt nicht zu Deutschland. Jedenfalls nicht in dem Maße. ALLE anderen Länder lachen sich über uns kaputt und machen sich langsam echte Sorgen. Nach "besorgten Bürgern" nun auch "besorgte Staaten". Aber nach Ansicht der "Gutmenschen" sind die sowieso alle Plemmplemm.

      Wir können uns hoffentlich darauf verständigen, dass die Migrationskrise einen tiefen Graben zwischen Befürwortern und Gegnern wirft. Nicht nur in Europa sind wir zerstritten sondern nun auch in Deutschland. Und so wollen "wir das schaffen"?

      Die Politiker werden nervös wegen der bevorstehenden Landtagswahlen. Die wollen wir mal abwarten. Es wird sich was tun. Soll mir recht sein.

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    2. Danke, "C=64". Ich sehe Diskussionsdefizite auf beiden Seiten.

      Die einen boykottieren mit ihren Hinweis auf "Lügenpresse" jegliche Diskussion, die anderen stecken den Gegner in die Nazi-Ecke.

      Ich stehe der schrankenlose Aufnahme von Menschen aus dem arabischen Raum sehr kritisch. Einerseits wegen des Frauenbildes, andererseits wegen des Antisemitismus.

      Man gut in meinem Blog nachlesen, dass ich weder Pegida noch Gutmensch bin:

      http://couponschneider.blogspot.de/2014/12/pegida-der-schuss-geht-nach-hinten-los.html

      http://couponschneider.blogspot.de/2015/09/fluchtlinge-aus-dem-nahen-osten-warum.html


      Wenn mir jemand was böses will, zitiert lose aus dem Zusammenhang und man verortet mich bei HoGeSa oder Pegida. Das politische Gesamtbild, was ich hier abgebe, sehe ich als recht vernünftig an. Weder links, noch rechts, sondern unaufgeregt liberal.

      Ich wurde heute auf Youtube als "links verblödeter Idiot" bezeichnet, weil ich es wagte, jemanden dafür zu kritisieren, weil er unter dem Deckmantel der "freien Meinungsbildung" in der Schule antisemitische Einstellungen bei arabischen Schülern bereit ist zu dulden.

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    3. Hallo C=64,

      Ihre Bedenken des vorletzten Absatzes Ihres Beitrags teile ich. Ihre Sorge über die fehlende Kompatibilität "des Islams" ebenfalls. Allerdings stelle ich in Gesprächen in meinem näheren Umfeld immer häufiger fest, dass vollkommen undifferenziert über "DIE" (Asylbewerber, Moslems, Linke, Rechte usw.) gesprochen wird. In solchen Situationen fühlt man sich genötigt darauf hinzuweisen, dass die Mehrheit der "Asylbewerber" nicht straffällig sind, Moslems nicht zwangsläufig Sehnsucht nach einem steinzeitlichen politischen Islam haben, die Mehrheit der "Linken" keine Steine werfen, die Mehrheit der "Rechten" keine Feuer legen (die Reihe ist beliebig fortsetzbar).

      Dies ist der Punkt, auf den ich hinauswollte. Hysterie und Verallgemeinerung halte ich für eine gefährliche Mischung, die weit davon entfernt, einen sinnvollen Konsens zu finden.

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  2. Hallo Couponschneider,

    ich kann Deine Kritik schon verstehen, schliesslich benutzt Du in Deinen Artikeln zu genüge Diffamierungen und Etiketten wie z.B. "Putinversteher" oder "die Linken"
    Damit entziehst Du Dich sofort der Sachebene und gehst jeder Argumentation aus dem Weg. Wie praktisch für Dich...
    Nur erreichst Du bei Deinen Lesern genau das Gegenteil.

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  3. @MichaDerXte, @Heinsohn

    Es gibt sicherlich schlimmere Diffamierungen als "Putinversteher" oder "Linke". Natürlich sind "Putinversteher" und "Gutmensch" polemische Etikettierungen, aber eine Polemik ist kein "Verlassen der Sachebene". Man kann gar nicht so trocken über politische Themen reden, dass man gänzlich darauf verzichten kann. Ohne Polemik vergeht einem jeglich Spaß an der Diskussion.

    Ich verwende diese Etikettierungen, aber die stehen nie singulär ohne weitere Kontext. Ich schreibe ja nicht: "Putinversteher, bäh, mit sowas red ich nicht."

    Ich sehe dagegen andere Etiketten, die viel kritischer sind, z. B. "neoliberal". Die Kritiker des angeblichen Neoliberalismus sollten sich mal einig werden, was das ist. Ist Neoliberalismus ein Klientelismus oder die freie Marktwirtschaft. Ich habe den Eindruck, jegliche Unbill wird als neoliberal verbrähmt.

    Wer nach einem Neoliberalismusvorwurf oder einer Neoliberalismusanklage Argumente schuldig bleibt, der hat die Sachebene verlassen und will einfach nur Krach machen.

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    1. Natürlich gibt es noch schlimmere Diffamierungen, dennoch bleibt auch Gutmensch eine. Genau wie Dein hin und wieder gebrauchter "Verschwörungstheoretiker".
      Schau mal in den Duden (ja es gibt ihn noch): Da steht unter Polemik: "persönlicher Angriff ohne Argumente"
      Je nach Kontext gehen diese Wörter über Polemik sogar hinaus, nur leider scheinst Du das nicht zu realisieren.
      Stattdessen lenkst Du von Thema ab und verweist auf andere ja noch viel schlimmere Wörter wie "neoliberal". Auch so eine Ablenkungsstrategie...

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    2. Und wo ist das Problem, wenn ich jemanden Verschwörungstheoretiker nenne? Das bleibt doch nicht im "luftleeren Raum", sondern ist eingebettet in einem größeren Text zum Thema. Warum ich Dirk Müller für einen Verschwörungstheoretiker halte, habe ich oft genug dargestellt.

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