Donnerstag, 18. Februar 2016

Eine Antwort im Zeichen der blauen Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.


Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.


Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

(Joseph von Eichendorff, 1818)



Die "Ex-Studentin" hat zur Blogparade gerufen und schon lange überlege ich, was ich schreiben solle. Sie stellt vier Fragen:
  1. Was braucht ihr aktuell, um glücklich zu sein?
  2. Was braucht ihr dauerhaft, um voraussichtlich bis an euer Lebensende zufrieden zu sein?
  3. Auf welche Dinge im Leben könntet ihr theoretisch verzichten und habt sie derzeit dennoch?
  4. Ist es euch wichtig, “mehr” vom Leben zu haben als nur das Nötigste?

Die Antwort auf 1 und 2 ist die "blaue Blume". Die Antwort auf die dritte Frage weiß ich nicht, ich weiß aber, auf die "blaue Blume" kann man am allerwenigsten Verzichten.

Die "blaue Blume" ist das Zentralsymbol der Romantik, sie steht für Sehnsucht, Liebe, das Streben nach dem Unendlichen, aber auch für die Wanderschaft.

Ein Mensch, der keine Sehnsüchte hat, also wunschlos glücklich zu sein scheint, hat eigentlich ein armes Leben. Die zentralen Dinge, die uns im Alltag glücklich machen, sind doch selten die Dinge, die man kauft. Ein Bechstein-Flügel macht doch nicht glücklich, wenn niemand drauf spielt. Wenn man ihn selber zu spielen weiß und wenn auch nur mit "echtem Gefühl und falschem Fingersatz" (wie Joachim Kaiser  zu sagen pflegt), dann wird man mehr Freude daran finden als an den besten Einspielungen von Gould, Rubinstein oder Horowitz. Sollte es nichts mehr geben, wofür sich Anstrengung lohnt, was man sehnsüchtig anstrebt, wofür man sich interessiert, dann lohnt sich das Leben nicht mehr.

Nicht, eine Zeit lang nicht geliebt zu werden, ist nicht schlimm, aber den Wunsch nach Liebe zu verlieren, fände ich schlimm.

Das Motiv des Wanderns finde ich auch ganz entscheidend. Das heißt nicht, dass man mit Kniebundhose und Wanderstock durch die Wälder schreiten soll. Ich weite es aus auf das Wandern im Geistigen. Seine Neugier sollte man erhalten. Ich bin froh, dass ich mir meine Neugier erhalten konnte, lese ich doch immer noch Fachbücher (mein Studium ist praktisch nie beendet), versuche aber meinen Horizont über mein Fachgebiet hinaus stetig zu erweitern. Zum Beispiel in der Musik. Vor 14 Jahren begann ich mit bekannten und populären Werken, z. B. Beethovens Sinfonien, Schuberts "Unvollendeter" oder Ravels "Bolero". Aber zufrieden geben ich mich damit nicht, also wuchs meine CD-Sammlung sehr stark an in den vergangen 14 Jahren. Ich hatte eine Mahler-Phase, dann interessierten mich Schönberg und seine Schüler (Schönbergs 1. Kammersinfonie Op. 9 und sein Konzert für Klavier und Orchester Op. 36 sei jedem ans Herz gelegt.), viele Jahre begleitete mich auch Chopin (heute weniger), dann interessierte ich mich plötzlich für Bach und seit kurzem die Romantik und dabei die Gattung des Kunstliedes. Plötzlich will ich mehr erfahren über Schumann (Liederkreis, Dichterliebe), Brahms und Schubert (Winterreise). Alles große Komponisten, aber ich interessiere mich mitnichten nur für ihre populärsten Werke. (Und weniger bekannte Komponisten wie Paul Hindermith, 20. Jhd., habe ich mir auch schon angetan.) Durch die Kunstlieder kommt dann automatisch auch zu den Lyrikern, die das Textmaterial lieferten, z. B. Eichendorff, Heine und Wilhelm Müller.

Ich hoffe, diese Neugier nie zu verlieren. Was heißt das für das Monetäre, für die materiellen Güter? Oben habe ich schon einen Vergleich gezogen. Sich einen Bechstein ins Wohnzimmer zu stellen, aber selber nicht spielen zu können, wäre doch ziemlich armselig. Solche Menschen wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. Die materiellen Dinge stehen also hintan, wenn es um das Glück geht. Daher stecke ich mein Geld eher in Investitionen statt in Konsumprodukte. Die Konsumprodukte müssen aber gut genug sein, um die Neugier zu befriedigen, d.h. meine HiFi-Anlage sollte nicht die billigste, muss aber auch nicht die teuerste sein. Eine 2000 € teure Anlage brauche ich nicht. (Ich kenne sogar jemanden, der sowas hat, aber dann doch sehr selten nutzt.

Das Thema Finanzen ist auch so eine Sache, die ich vor zehn Jahren nicht habe kommen sehen. Ich habe bestimmt seit 2009 20 bis 30 Bücher gelesen.
Meine Investitionen werden hoffentlich bald Früchte tragen, dass ich öfter Zeit finde, auf Wanderschaft zu gehen, um die Neugier zu befriedigen. Der blauen Blume wegen.

Und wenn wir schon beim Wandern sind:  Was ich mir vorgenommen habe sind öfter Ausflüge in die Natur. Einfach mal einen Tag von der Arbeit frei nehmen und eine kleine Wandertour machen. Selbst im Februar kann man da wunderschöne Tage erleben, wie ich in dieser Woche erleben durfte. Mit einer kleinen Brotzeit, einer Thermoskanne Tee und Eichendorffs Gedichten im Gepäck ging es los. Kostenpunkt der ganzen Aktion: Weniger als zwölf Euro. Das teuerste dabei waren die zwei Busfahrten à 4,55 €. Der Rest ging für die Lebensmittel drauf, die ich so oder so bezahlt hätte. Womit dann auch die vierte Frage beantwortet wäre: Was den Komfort angeht, benötige ich nicht viel.

Kommentare:


  1. Also mein lieber Couponschneider bei vielem denke ich ähnlich wie Du, aber..
    Das mit der Hifi-Anlage kann ich so nicht stehen lassen, denn wenn man wie Du und ich Musik liebt und genießt, dann sollte man nicht an der Hifi-Anlage sparen.
    Denn nirgends wo ist das Geld besser angelegt, es ist eine einmalige Investition, mit so gut wie keinen Folgekosten, und erfreut Dich jeden Tag aufs neue.

    Denn der Unterschied zwischen einer richtig guten Anlage und einer ,wie Du sie wahrscheinlich hast, ist immens. Du würdest Deine Musik neu entdecken.


    Meine Anlage hat ca 18000 DM gekostet ( Vorverstärker, Endstufe, Lautsprecherboxen), ist alles inzwischen ca. 25 Jahre alt. Ich habs gebraucht für 4000 Euro gekauft. Ist immer noch Top, ist kein Vergang dran.

    Also besser hab ich noch in keiner Aktie investiert, es gibt jeden Tag Dividende.

    Schönen Abend noch. ( Ich hör auch gern Klassik aber Miles Davis, John Coltrane etc. ist auch nicht zu verachten).

    19. Februar 2016 um 19:48

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  2. Hallo Couponschneider, danke für philosophische Antwort! Gleichzeitig stimmt mich deine Antwort selbst etwas nachdenklich. Ich muss mich selbst oft ermahnen, dass materielle Besitztümer nicht der Maßstab für das eigene Lebensglück sind. Höchstens Mittel zum Zweck. Ich habe mir als Schülerin mal ein günstige Gitarre gekauft, die vom Klang und der Bedienung her nicht wirklich berauschend war. Nach wenigen Wochen habe ich das Gitarrespielen wieder aufgegeben. Die Gitarre alleine oder generell Besitztümer machen nicht glücklich. Erst, wenn man sie sinnvoll einzusetzen weiß und in den Alltag einbindet. Schöne Momente kann man auch mit wenig Geld genießen, wie deine Wanderung beweist. Ich selbst habe auch vor kurzem über meinen Kurzurlaub in der italienischen Schweiz berichtet. https://exstudentin.wordpress.com/2016/01/09/reisetagebuch-lugano-como-mailand/

    Manche Erfahrungen erfordern aber leider einen gewissen "Eintritt", weswegen manche Erfahrungen für einzelne Personen deswegen nicht ohne weiteres zugänglich sind. Ich werde vielleicht nie in den Genuss eines eigenen schönen warmen Kamins kommen, nie tolle Wasserfälle auf anderen Kontinenten sehen oder gar die Erde vom Weltraum aus beobachten. Aber so lange wir Menschen noch Träume und Sehnsüchte haben, leben wir.

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  3. Vor kurzem irgendwo gelesen:

    "Kein Geld macht auch nicht glücklich."

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  4. @Couponschneider

    Du stehst doch auf Männer, oder? Nicht, dass das im 21. Jahrhundert so schlimm wäre, jedem Tierchen sein Plesirchen.

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    1. Nein. Nur weil ein Mann nachdenklich ist und sogar Lyrik mag, muss er nicht homosexuell sein. Schwule frönen sogar eher einen Körperkult und sind eher im Fitnessstudio anzutreffen als bei einem Kammermusikabend.

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