Sonntag, 14. Februar 2016

Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Gedacht war dieser Beitrag ursprünglich als Kommentar zu Finanzrockers Interview mit der Ex-Studentin. Aber ich ahnte, es würde umfangreicher werden, also wurde es ein eigener Blogbeitrag.


Die Ex-Studentin brachte im Interview ihren Ärger zum Ausdruck, dass sie nicht vom kleinen Bruder gefragt wurde, bevor dieser einen Bausparvertrag unterschrieb. Das kommt mir sehr bekannt vor, weil mein kleiner Bruder ähnlich vom Versicherungsvertreter überrumpelt wurde. Er schloss dann als Wehrpflichtiger eine Berufsunfähigkeitsversicherung mit Ansparfunktion ab, die im Schadensfall 400 € pro Monat ausgespuckt hätte. Damit war das Ding wertlos, weil's weniger als Hartz IV war. Der nächste Clou war: Das Ding lief nur bis zu seinem 40. Lebensjahr. Wenn sich die ersten chronischen Wehwehchen breit gemacht hätten, er hätte er eine neue BU-Versicherung abschließen dürfen, aber dann mit horrendem Aufpreis. Als 40-jähriger hat man eine umfangreichere Krankenbiographie.

Eine Unfallversicherung mit ähnlichen Konditionen schloss er auch noch ab. Der Versicherungsvertreter von der Allianz gab am Abend wahrscheinlich noch eine Party, weil er einen Dummen fand, der gleich zwei Nonsensverträge aus Sicht des Versicherten abschloss.


Ich ärgerte mich, weil ich das so nebenbei erfuhr. Die liebe Familie fragt wegen Belanglosigkeiten bei mir nach, z. B. wenn der Computer oder das Fax-Gerät zickt. Aber wenn es um Geld und Versicherungen geht, fragt keiner. Ich meckerte natürlich, wie man sowas zulassen könne. Meine Schwester meinte, er würde seinen Weg schon machen. Eine echt tolle Aussage. Die ist irgendwie wie Schulternzucken: "Mir doch egal, dass er dadurch in finanzielle Schwierigkeiten gerät." (Mich ärgert so eine Einstellung.) Als ich gegen Studiumsende meine ersten Versicherungen abschloss, fragte ich im Vorfeld tatsächlich mal meine ältere Schwester, was wirklich wichtig wäre.
 
Man muss ja nicht der Überflieger sein und sich seine Meriten in Finanzdingen schon verdient haben. Schon allein die Tatsache, dass der ältere Bruder oder die ältere Schwester einen Erfahrungsvorsprung hat, ist ein Grund, dass man dort mal nachfragt. So viel sonst wird doch erfragt. Natürlich kann das Empfohlene immer noch Unsinn sein. Angenommen es ist zu 80 % Unsinn. Was aber der Versicherungsvertreter sagt, ist zu 100 % Unsinn. Mit 20 % Wahrscheinlichkeit hätte man dann einen finanziellen Schaden (Unterschrift unter einen Versicherungsvertrag) verhindert. Kostenpunkt: 0 €.

Ich halte es für ein großes Problem, dass wir zu wenig über diese Dinge reden. Es würden sogar die Grundrechenarten ausreichen, um bestimmte Dinge nachzurechnen. Den Sinn und Unsinn der Versicherungs- und Bankenbranche kann jeder mit Papier und Bleisteift nachvollziehen. Oft reicht aber auch gesunder Menschenverstand. Für eine Sterbeversicherung beispielsweise muss man kein Versicherungsmathematiker sein. Man sieht doch sofort, dass es bei der Sterbeversicherung nur ein ganz kurzes Zeitfenster gibt, wo das Ableben vorteilhaft, aber im Vergleich zu anderen Anlageformen niemals lukrativ ist. Selbst das Tagesgeldkonto mit einem Prozent Zinsen ist dann oft noch lukrativer. 2000 €, ein typischer Betrag für eine Sterbeversicherung, sollte man einfach auf dem Girokonto oder Tagesgeldkonto belassen. Fertig.

Und im Internet kann man auch vieles finden. Nie war es so einfach wie  heute. Ich denke, alleine schon deshalb, weil ich seit 16 Jahren fast alles im Internet nachlese, habe ich die gröbsten Fehler vermieden. Mir ist folgendes Verhalten unerklärlich: Jemand, der täglich am Computer hängt (und spielt), sich wahrscheinlich auch Videos anschaut (Youtube und andere), aber offenbar zu blöd oder zu faul ist, Google zu benutzen.


Die Spreu vom Weizen wird sich trennen anhand der Medienkompetenz. Wer in der Lage ist, Google zu bedienen, kommt auf den grünen Zweig. Wer sich nicht informiert, wird gnadenlos abgezockt. Die Vertrauensseligkeit gegenüber den Stammberatern ist tödlich. Ich habe erst kürzlich den guten alten Justin schimpfen hören. Nach vielen Jahren ist ihm aufgefallen, dass er für eine Kfz-Haftpflichtversicherung das doppelte des typischen Marktpreises zahlt. Im Netz guckt er sich lieber nach Jahreswagen um, statt mal auf Check24 kurz zu gucken, was übliche Versicherungstarife sind.

Aber man muss aufpassen, wo man sich informiert. Ab und zu schreibe ich im Finanz-Forum. Als langfristig orientierter Aktionär bin ich da der Exot. Viele Menschen werden sich an das Finanz-Forum, weil sie einfache Beratung in Sachen Bausparvertrag und Altersvorsorge möchten. Meine Einlassungen darauf, dass Bausparen unlukrativ wäre und Riestern auch und zudem viel zu bürokratisch, wurden schlecht gemacht. Ich habe denen sogar vorgerechnet, dass beispielsweise ein Aktieninvestment lukrativer ist, aber das soll laut Vertreterbranche zu unsicher sein.

Einige Foristen gehen dort sehr offen damit um, dass sie Vertreter und Strukkis sind. Mit der Zeit merkte ich, dass die Strukkis immer zahlreicher wurden und das Forum selber von einem Versicherungsvetreter aus Odenthal geleitet wird. Gehaltvolle Informationen darf man dort nicht erwarten.

Da kreuzen Versicherte auf, die sich nun zweifeln, ob ihr Riestervertrag noch sinnvoll wäre. Da gibt's Vertreter, die immer noch das Gute in den Verträgen sehen. Und da gibt es auch noch ein bemitleidenswertes Beispiel: Da hat jemand sechs(!) Bausparverträge abgeschlossen und fragt nun, ob das sinnvoll wäre. Ein Forist nennt sich "uwehaensch" und er liefert ein wundervolles Beispiel, wie die Vertreter so reden:

Zitat Zitat von MC Muffin Beitrag anzeigen
Ich denke das ein Bausparvertrag keinen Sinn macht.
So allgemein formuliert stimmt das definitiv nicht. BSVs sind kein Allheilmittel, aber es gibt reichlich Fälle wo verschiedenste Tarife sehr viel Sinn machen.

Zitat Zitat von MC Muffin Beitrag anzeigen
1. Die Verzinsung ist extrem schlecht.
Ach ja, 3 % für einen 7-jährigen Sparplan ist nicht wirklich extrem schlecht.

Zitat Zitat von MC Muffin Beitrag anzeigen
2. Die Zinsen für ein Darlehen sind nicht günstiger wie für ein normales
Was immer ein "normales" Darlehen ist. Ich denke, sich jetzt einen möglichen Zins von z.B. 1,23 % eff. zu sichern, spricht nicht gerade für Ihre Behauptung.

Zitat Zitat von MC Muffin Beitrag anzeigen
3. Die Zinsen werden langfristig weiter unten bleiben oder sogar noch sinken ( Japansyndrom
Ihre Glaskugel in allen Ehren !
Wenn man dort mal ein wenig quer liest, wird man feststellen, dass häufig die Aussagen fallen, man dürfe nicht pauschalisieren oder aber, "So allgemein formuliert stimmt das definitiv nicht."

Ich bin der Meinung, dass es schlechte Geschäfte gibt, die für jeden schlecht sind. Eine Kapitallebensversicherung beispielsweise: Wenn man mit einer Risikolebensversicherung und ein wenig Tagesgeld besser fährt als damit, warum also Kapitallebelsversicherung? Was hat das mit dem Einkommen oder Beruf des Versicherten zu tun? Das ergibt doch keinen Sinn.

Ein häufiger Vorwurf ist dann auch die "Glaskugel". Diesen Vorwurf dürfen diese Menschen nicht verwenden, denn es ist nicht redlich, schließlich konstruieren sie selber mit irgendwelchen Ereignissen in der Zukunft, bemühen also die "Glaskugel".

Da wird dann stark über- und untertrieben zu den eigenen Gunsten, Hauptsache es kommt zum Vertragsabschluss. Was ist wahrscheinlicher? Dass der DAX auch in den nächsten zehn Jahren durchschnittlich um 8 % wächst oder ob das Liebespaar mit den sechs Bausparern immer noch zusammen ist?

Je weniger Wetten man abschließt, desto besser. Eine Kapitallebensversicherung ist schon eine wahnsinnige Wette, denn man wettet darauf, dass die Versicherungsgesellschaft nicht pleite geht, dass die Währung nicht stark inflationiert, dass man die Beiträge auch bis zum Schluss zahlen kann und will, dass der Staat weiterhin die Chose fördert. Und das über einen Zeitraum von über 30 Jahren. Riester bzw. Leibrenten sind noch schlimmer, schließlich wettet man zusätzlich darauf, dass man sehr, sehr alt wird und dass die Versicherungsgesellschaft genauso lange vital bleibt.

Bei einer Investition in Aktien wette ich nur darauf, dass das Unternehmen auch in Zukunft Gewinne macht. Ein Unternehmen wie Nestlé stellt Lebensmittel her und vertreibt diese. Essen müssen die Leute immer und die Weltbevölkerung wächst weiter. Nestlé könnte genauso pleitegehen wie eine Versicherungsgesellschaft, aber wie realistisch ist das? Die Versicherungsgesellschaften hängen schon am seidenen Faden, hängt doch ihr Erfolg sehr von der Währungsstabiltät und den Staatsanleihen ab. Wo ist mehr Glaskugel?

Hinter meinen Überzeugungen hängen recht einfache Überlegungen. Darauf kommt jeder, der sich ein wenig Hausverstand bewahrt hat. Um sich zu informieren, empfehle ich Finanzblogs, die sich dem Vermögensaufbau gewidmet haben. Dort hat man sich eine "ganzheitliche Sicht" bewahrt, wie man heute zu sagen pflegt. (Normalerweise kommt mir beim Wort "ganzheitlich" die Galle hoch.) Und wenn ich mir vergegenwärtige, welche Gedanken sich beispielsweise der Finanzwesir gemacht hat, dann stelle ich fest, dass ich die Gedanken auch schon hatte. Und wenn viele Leute unabhängig voneinander zu gleichen Ergebnissen kommen, was Altersvorsorge, Versicherungen, Steuersparmodelle und Aktienanlage angeht, so muss doch etwas dran sein. So war ich immer skeptisch gegenüber Produkten, die Versicherung und Sparvertrag in einem waren; der Finanzwesir nennt sie Bastardprodukte.

2004 hörte ich mal irgendeine VWL-Vorlesung. Der Professor dozierte, Ärzte-Fonds gäbe es nur deshalb, weil Ärzte überdurchschnittlich viel Geld hätten, aber wenig Ahnung von Geld. Ärzte könne man leicht überzeugen, dass so ein Ärzte-Fonds spezielle auf die Bedürfnisse von Ärzten zugeschnitten wäre. Tatsächlich war die Rendite niedriger als bei einem normalen Fonds. Es gibt schlichtweg keinen Grund, warum man da so einen Bohai macht um Geldanlage. Geld ist Geld. 100 Euro vom Arbeiter sind genauso viel Wert wie 100 Euro vom Arzt. Versicherungen sind vielleicht zielgruppenorientiert, aber die Geldanlage hängt doch nur vom Geld ab. Damals fiel bei mir der Groschen, dass ich bei den vielen Versicherungs- und Anlageprodukten sehr, sehr skeptisch sein muss.

Kommentare:

  1. Ein schöner Artikel - stimme 100%ig zu. Auch ich habe bis vor einigen Jahren noch viel falsch gemacht. Nun bin ich froh, dass ich dank erworbener Geldbildung zumindest meine Kinder vor den meisten Fehlern bewahren kann.

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    1. Ja, geht mir ganz genau so. Werde meiner Tochter jetzt das erste Aktienkonto anlegen, mit kleinen Beträgen oder mit EFT Sparplan, mal sehen.
      An Coupnonschneider: Guter Artikel! Sehe das genau so.
      WW

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  2. Wichtig ist, dass man die Kinder nicht zu sehr verwöhnt und sie Geld zu schätzen lernen. In meinem Umkreis gibt es ein paar junge Leute meiner Generation die möglichst lange den Beruf "Kind" als regelmäßige Einnahmequelle sehen und für ihr Leben keine komplette finanzielle Verantwortung übernehmen. Das Erbe nach Ableben der Eltern wird fest einkalkuliert. Liegt ggf. daran, dass die Eltern es zu gut meinen und ihren Kindern jeden Mist bezahlen, weil sie selbst vielleicht früher auf Luxus verzichten mussten. Deswegen würde ich meinen Kindern vermutlich keinen Sparvertrag oder viel Taschengeld geben, sondern eher "heimlich" sparen und es ihnen erst im Erwachsenenalter geben, wenn sie es wirklich zu schätzen wissen. Generell müssen Leute erst mal lernen, ihre Handlungen zu reflektieren und nicht allen Versprechen blind zu vertrauen. Mein kleiner Bruder ist nicht dumm, nur sehr naiv und vertrauensseelig. Es gibt den Film "Lügen macht erfinderisch", der die Situation ganz gut beschreibt: Die Leute dort sagen immer die Wahrheit und glauben alles. Der Protagonist entwickelt die Fähigkeit zu lügen und nutzt die Situation.

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  3. Kann dir nur zu 100% zustimmen. Ein sehr guter Artikel. In einem Forum hätte ich gesagt, bitte oben festpinnen. Nur leider lesen es die Leute, die es dringend müssten, nicht.

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