Samstag, 21. Mai 2016

Draghi und der deutsche Michel

Schon oft habe ich den Leser mit meinem Unmut konfrontiert, der mich widerfährt, wenn ich mal wieder die Forenbeiträge bei SPON und Co. lese. In der sogenannten bürgerlichen Presse ist aber auch nicht besser. Ob nun beim Handelsblatt, bei der FAZ oder bei der Welt: Sobald es um Aktien geht, habe ich den Eindruck, mehrheitlich von Kindern umgeben zu sein. So schreibt einer bei welt.de:

„für eine (Zusatz)Rente im Alter von 1.000 Euro baucht man 300.000 Euro Kapital.
Wer also eine (Zusatz)Rente von 4.000 Euro haben will, braucht nur 1,2 Mio Kapital, über 30 Jahre ununterbrochen jährlich 40.000 Euro
wo ist das Problem ?“

4000 € im Monat entsprechen 48000 € im Jahr. Wenn man 4 % Dividenden annimmt, benötigt man ein Depot von 1,2 Mio €. Aber nur, wenn man sich jeden Substanzabbau verbittet. Wenn man die Dividenden komplett verkonsumiert und die Substanz moderat abbaut, der kommt mit einem geringeren Depot aus. Warum soll man das dann nicht bei einem Aktiendepot machen? Außerdem hat man auch in der Ansparphase Dividenden und Kurszuwächse. Um nach 30 Jahren auf 1,2 Millionen zu kommen, benötigt man gerade einmal eine Sparrate von 10593 € (ohne Dividenden), wenn man 8 % Rendite (Dividendenrendite + Kurswachstum) und angenommener Thesaurierung annimmt. Substanzverzehr ist bei allen anderen Altersvorsorgenprodukten vorgesehen und wenn man sich diesen bei Aktien verbittet, dann stehen Aktien schlechter da als notwendig.

Wäre der Beitrag nicht derartig hämisch gemeint, könnte ich drüber lachen, aber so ärgert mich nur noch die Arroganz. Häme erlaubt man sich, wenn man meint, einen Wissensvorsprung zu haben und besonders klug erscheinen möchte, aber der Beitrag war ja nun alles andere als intelligent. Anderer Beitrag lässt erkennen, dass Aktien „hochspekulative Anlagen“ wären:
„Sehr anständig, dass man nun versucht, den Sparer in hochspekulative Anlagen zu treiben. Anders als Herr Draghi gibt es Menschen, die weder das Wissen noch die Beziehungen haben, um in der Finanzwelt zu bestehen. Und wenn man arbeiten geht, hat man auch nicht die Zeit, sich das alles einfach so anzulernen. Ich werde was anderes tun, nämlich die AFD wählen und meinen Beitrag leisten, um die Katastrophe namens Euro abzuwählen.“
Ein anderer sorgt sich, dass zum Renteneintritt der Crash eintritt:
"Das kann ja sein. Aber das interessiert mich gar nicht. Was ist denn, wenn ich in den Ruhestand gehen möchte oder muss und meine Aktien sind gerade in der Verlustzone? Was hilft mir dann ein Durchschnitt? Meine Eltern haben damals T-Aktien gekauft. Was hilft denen ihr Durchachnitt jetzt am Beginn des Rentenalters? Meine Eltern haben Commerzbank-Aktien gekauft, dann kam die Finanzkrise. Was hilft Ihnen nun der historische Durchschnitt? Meine Eltern haben 40 Jahre lang gearbeitet und andere Anlageformen und die gesetzliche Rente. Deshalb ist ihnen das mit ihren Aktien heute relativ wurscht. Aber für mich ist das eine Erkenntnis: Ich brauche keine Anlageform für meine Altersversorgung, die mir dann im besten Falle wurscht.“

Wo steht denn geschrieben, dass man alle seine Aktien verkaufen muss, sobald man in Rente geht? Ich finde die Konstruktion solcher Szenarien albern, da man ja noch weitere 20 Jahre nach Renteneintritt hat, außerdem hat man nach 30 Jahren Aktiensparen und selbst nach dem Crash immer noch mehr als ein Anleihensparer.

Der „Klassiker“ mit der Telekom darf natürlich nie fehlen:
„Klar ab in den Aktienmarkt, als wenn das keine Lotterie ist.(Telekom?!?!, neuer Markt)...raus aus dem Euroraum mit dem Geld. Oder "sparen" da verlierts halt an Wert ist aber nicht weg. (aber nich aufm Konto da wird's irgendwann eingesammelt, damits gut verwendet wird).“

Und dass „nur die Großen“ am Aktienmarkt verdienen, ist auch so ein „Klassiker“:

„Verdienen am Geld tun nur die Großen und Vermögenden. Die Kleinen gehen leer aus. Da helfen alle schlauen Sprüche der selbsternannten Anlagepropheten nichts. Was heute als gut gepriesen wird, ist in 20 Jahren wertlos. Kapitalismus pur! Weltweit!“

Ein AfD-Anhänger zeigt, dass Wirtschaftskompetenz nicht gerade zu den Stärken der AfD gehören kann:

„Die Großkopferten wollen die Bürger an die Börsen zwingen. Die Politiker stehen auf Seiten der Banken, nicht mehr der Bürger. Mit dem Satz in der Überschrift: "Es gibt anscheinend nur eine echte Option" soll wieder einmal die Alternativlosigkeit vorgetäuscht werden. Eine andere Option besteht darin, das misslungene Euro-Experiment endlich zu beenden und zu nationalen Währungen zurückzukehren. Der deutsche Sparer könnte dann wieder sparen, denn seine Wirtschaft ist gesund. Wenn es so weitergeht, dann gibt es anscheinend bald nur noch eine echte Option: nämlich die AfD zu wählen!“
Die Mitglieder von "Alfa" (u.a. Lucke und Henkel) werden sich nach so einem Beitrag bestätigt fühlen, der AfD den Rücken gekehrt zu haben.

Wenn das repräsentativ sein sollte, dann muss man konstatieren: Draghi hat schlicht und ergreifend recht. Die Deutschen können nicht mit Geld umgehen. Sie stehen sich selber im Weg. Ich bin einen anderen Weg gegangen. Nüchtern musste ich schon 2009 feststellen, dass sich Tagesgeld nicht lohnt. Dennoch hatte ich einen Kollegen, der meinte, er müsse sein Geld in Tagesgeld parken. Ich bin Mitte 30 und mein Anlagehorizont ist sehr lang. 2009 war ich ja noch sieben Jahre jünger als heute und der Anlagehorizont entsprechend länger. Für mich kam nur die Aktienanlage in Frage.

Natürlich muss man entbehren und am Ball bleiben. Bestimmte Dinge verkneife ich mir einfach, dann habe ich mehr fürs Aktiensparen übrig. Der Erfolg ist da. Viele sind einfach nicht bereit, den Preis für Wohlstand zu bezahlen. Polemiken, ich würde in einem "Rattenloch" wohnen oder gar hungern, sind schlicht und ergreifend Unfug. Man kann 50 % sparen und dennoch sehr gut leben. Ich mache halt nur nicht jeden Unsinn mit.

Aufgrund der Artikel beim Finanzwesir habe ich mir noch einmal die Finanzfunktionen bei Calc angeschaut. Da ich alle Eingänge und Abgänge kenne, auch Depotstände, habe ich mir mit der Funktion für den internen Zinsfuß meine Rendite seit 2009 ausgerechnet: 8,13 %. Ich bin ein wenig enttäuscht und kann es erklären. Ein wenig habe ich mich in die Nesseln gesetzt mit einem deutschen Versorger. Und viel Geld ist dann auch noch in eine Ölfördergesellschaft investiert. Aber 8,13 % ist ungefähr der langjährige DAX-Durchschnitt. So viel denke ich nicht nach bei der Aktienanlage. Ich schaue mir Branche, Standort und Unternehmen an, und schaue, ob es ungefähr zu meinem bestehenden Portfolio passt. Und wenn der Preis stimmt, kaufe ich. Ganz einfach. So viel gehört da nicht zu. Ich denke, jeder kann das. Bei mir gibt es auch Phasen, da interessiert mich die Börse überhaupt nicht. Da ich meinen Gewinn aus dem langfristigen Halten und den Dividendenzahlungen schlage, interessieren mich die Börsenkurse nur insofern, ob eine bestimmte Aktie in meinen Depot oder auf meiner Beobachtungsliste gerade günstig geworden ist. Dann kaufe ich.

Kommentare:

  1. Womit nur noch zu definieren wäre, wann eine Aktie billig ist. 2009 waren aus jetziger Sicht fast alle billig. Was ist jetzt billig? E-on eher nicht, denke ich.

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    1. Man sollte lieber exzellente Unternehmen zu guten Preisen als gute Unternehmen zu exzellenten Preisen kaufen. Es gibt immer noch exzellente Unternehmen, deren Aktien zu fairen Preisen gekauft werden. Die Discountpreise von 2009 kann man nicht zum Maßstab nehmen. Wenn man wartet, bis man diese wieder hat, können Jahrzehnte ins Land gehen. Dann lieber jetzt kaufen, denn was man hat, das hat man.

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  2. Krasse Kommentare. Was soll man bei so viel Ignoranz und Dummheit noch sagen?

    Ich denke mir dann immer: Gut, dass die nicht auf dem Aktienmarkt mitmischen und durch ihre Käufe die Preis hochtreiben!

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  3. Das wäre alles auszuhalten, wenn nicht in Deutschland das Prinzip vorherrschen würde und immer drängender würde, dass den Leuten, die sich anstrengen, sich bilden, sparen, investieren, dann die Butter vom Brot genommen wird, um das Heer der Dummköpfe vor der "Altersarmut" (sprich: Hartz-IV-Rundumversorgung) zu bewahren.

    Das Wichtigste in Sachen Altersvorsorge und vielleicht Vermögensaufbau generell scheint mir daher, hier ab einem gewissen Punkt die Zelte abzubrechen. Wohin es einen, der von Kapitaleinkünften leben möchte, am besten verschlägt, wäre auch mal ein interessantes Blog- bzw. Diskussionsthema.

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    1. Würde mich auch über einen solchen Artikel freuen, soweit ich informiert bin erhebt die Schweiz keine Steuern auf Kapitalgewinne sondern nur auf die Dividende, die bei einem ETF meistens nur ca. ein viertel des Wertzuwachses langfristig ausmacht. Das klingt doch schonmal ganz gut.

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  4. Ich lese derartige Kommentare schon gar nicht mehr, denn soviel "Dummheit" verursacht bei mir einfach Schmerzen. Ich behaupte einfach, dass man in 3 Stunden "Aktienanlage" lernen kann und gesunder Menschenverstand langt, um langfristig erfolgreich zu investieren. Es gibt auch gute Bücher, die man bequem lesen kann und nach 4 Wochen einsteigt.

    Diese Kommentare höre ich auch auf der Arbeit, ich sage da schon nichts mehr dazu. Ich freue mich über meine Dividenden und mache mir wegen der Altersvorsorge keine Gedanken. Das läuft. Jeder ist seines Glückes Schmied.

    Soll mir mal einer erklären, was daran schwer und geheimnisvoll ist, sich 10 oder 12 Standardunternehmen zu suchen und diese regelmäßig zu besparen bzw. Aktien zu kaufen und das Ganze über Jahre liegen zu lassen.

    Ich glaube du warst es, wo in einem Beitrag die Telekom untersucht hat, wie die Entwicklung gewesen wäre, wenn man regelmäßig nachgekauft hätte. Selbst da wäre man im Plus.

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