Sonntag, 24. Juli 2016

Ist der Crash wirklich die Lösung? (Buchbesprechung)

Letzte Woche beschäftigte ich mich mit dem ersten Buch der beiden Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik. Das zweite Buch, "Der Crash ist die Lösung", las ich gestern und ich machte meine Notizen dazu. Mein Urteil zu  dem Buch ist nicht positiv.

Schon der Titel zeigt an, wohin die Reise gehen soll: Maximale Aufmerksamkeit erzeugen und das mit der maximalen Forderung, es doch so richtig krachen zu lassen. Das Buch setzt das schwarzmalerische Tremolo des ersten Buches fort. "Seit 2008 sind Krisen unsere ständigen Begleiter.", , "Wir erleben seit 2008 einen epochalen Wandel." oder auch "Schon jetzt ist diese in der Geschichte einmalige und scheinbare Rettungsorgie eine beispiellose Serie von Vertragsbrüchen, Lug und Betrug." Mit Verlaub: Diese Superlative sind Unsinn. Wir leben in einer sehr guten Zeit. Krisen kommen und gehen. Die Finanzwelt ist nur ein kleiner Teil der realen Welt. Im historischen Vergleich ging es uns nie besser. Es besteht auch nicht die Gefahr, dass ein westliches Land in eine Diktatur abdriftet. Das war früher anders.

Auch nicht geändert hat sich die Bankenschelte, dass sie zu viel verdienen und die kleinen Leute abzocken. Ich teile die Kritik an den Sparkassen: Die Vorstandsgehälter sind tatsächlich zu hoch und die Realität weicht enorm von der Selbstdarstellung ab. Als öffentlich-rechtliche Bank tun die Sparkassen so, dass nur die Privatbanken die Leute abzocken, um mit dem Geld an der Wall Street zu zocken. Das entspricht nicht der Realität. Ich teile auch die Kritik an den Sparkassen, wegen der hohen Dispozinsen. In meinem Elternhaus wurde mit der LBS auf das Häuschen gespart und von Bekannten weiß ich, welche Underperformance Deka-Fonds hinlegen.

Im Abschnitt "Der Euro als Wohlstandsvernichter" wird der Euro für jede Menge Unbill verantwortlich gemacht, u.a. dafür, dass die Arbeitslosenquote für Menschen unter 25 Jahren in Spanien und Griechenland über 50 % liegt. Aber dass die Statistik unsauber ist und das Bild dramatisiert, ging dort schon vor Drucklegung des Buches durch die Presse. Und hohe Arbeitslosigkeit hat viele Gründe. So wie jemand, der nur einen Hammer hat, in allem einen Nagel sieht, so sehen die beiden Autoren für alles die Banken und die Währung verantwortlich, weil sie sich nun einmal mit Finanzen beschäftigen. (Dirk Müller tickt genauso, als bestünde die Politik nur aus Währungspolitik und Bankenrettung.) Dass Spanien und Griechenland jahrelang über ihre Verhältnisse lebten, den Staatsdienst aufblähten, einen zu hohen Kündigungsschutz installierten (der Neueinstellungen gerader junger Leute verhindert), übersieht man einfach.

Die geringen Zinsen werden auch kritisiert. Wir würden schleichend durch die Inflation enteignet. Aber warum soll das problematisch sein? Das Gros der Güter auf der Welt verliert mit der Zeit an Wert. Ein Brot wird nach einer Woche wertlos. Warum sollen wir für Geld anderes fordern? Wir horten kein Brot, weil es in der Küche vergammeln würde und deswegen kaufen wir es mit Bedacht. Das spart Ressourcen. Und wenn die Inflation drückt, dann muss man ja nicht tatenlos zuschauen, wie das Geld auf dem Girokonto zerfällt. Man kann doch in Aktien gehen. Investieren oder konsumieren. Die beiden Autoren schauen mit Wehmut auf die satten Zinsen, die Bundesanleihen vor über 20 Jahren abwarfen. Aber damals waren nicht nur die Zinsen viel höher, sondern die Inflation auch.

Betrieben wird eine Panikmache kombiniert mit Phrasendrescherei: "[...] unser Finanzsystem hat eine mathematisch begrenzte Lebensdauer - und das Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen.", oder auch "[...] alle ungedeckten Papiergeldsystem, aber auch alle Währungsunionen der Vergangenheit [sind] ausnahmslos gescheitert." Es sind Phrasen, letzteres eine Tautologie. Eine nicht gescheiterte Währungsunion oder ein nicht gescheitertes ungedecktes Papiergeldsystem gehören nicht der Vergangenheit an. Eine Währung gehört genau dann an, wenn sie gescheitert ist. Wer das schreibt, ohne zu schreiben, dass alle anderen Papiergeldsysteme mit Golddeckung der Vergangenheit genauso gescheitert sind, betreibt billigen Populismus.

Im zweiten Kapitel wagen sich die Autoren auf ganz dünnes Eis. Sie sehen die Reformen Reagans und Thatchers, vulgär auch Neoliberalismus genannt, ursächlich für die Krisen. Thatcher übernahm ein heruntergekommenes Land. Reformen waren unumgänglich. Der von ihr eingeführte "Turbokapitalismus" war die Antwort auf 30 Jahre sozialistische Wirtschaftspolitik, als die Gewerkschaften durchsetzen konnten, dass die Heizer auf den neuen E-Loks weiterhin eingesetzt wurden. Großbritannien hat sich vom kranken Mann am Kanal zu einer führenden Wirtschaftsmacht gemausert.

Anscheinend sehen die Autoren den "rheinischen Kapitalismus" positiv und damit auch die sogenannte "Deutschland AG", die es mal gab. Was verstand man darunter? Die großen Institute hatten überall ihre Beteilungungen, ungefähr so: Die Deutsche Bank war Aktionärin bei der Allianz und bei der Commerzbank, die Commerzbank bei Daimler und bei der Allianz, und die Allianz bei der Deutschen Bank und der Commerzbank. Zum Glück ist seit langem Schluss damit. Widersprüchlich ist, dass die Autoren einerseits die Macht der institutionellen Anleger geißeln, andererseits ihn zurücksehnen. Das war ja das Problem im rheinischen Kapitalismus: Die Deutsche Bank und die Allianz hatten viele Beteiligungen, saßen in vielen Vorstandsetagen und konnten so zum Schaden der Unternehmen, der Arbeitnehmer und der Kunden bestimmen, wo es lang geht. Außerdem führten die gegenseitigen Beteiligung zu unzumutbaren Verhältnissen der Verantwortungslosigkeit.

Wie schon in "Der größte Raubzug der Geschichte" ist in "Der Crash ist die Lösung" kein roter Faden erkennbar, geschweige denn eine logische und stringente Argumentation. Die Lösung, die die beiden bieten, findet man im Abschnitt "Leitfäden für Vermögenssicherung". Gut ist, dass sie dort Anleihen, Riester- und Rüruprenten und Kapitallebensversicherungen kritisieren. Sie geißeln auch Konsumschulden. Die Kritik teile ich. Über Aktien sagen sie, man solle keine kaufen. Das werfe ich ihnen vor: Gerade dadurch, dass wir zu wenig Aktionäre habe, ist doch der beklagenswerte Zustand gekommen, dass die institutionellen Anleger so viel Macht haben. Die Autoren - man vermutet es schon - empfehlen Gold und Silber. Aktien seien angeblich zu teuer, aufgebläht durch Draghis Druckmaschinen. Als Referenzpunkt nehmen die Autoren 2009 her und auch das ist verkehrt. 2009 gab es eine enorme Untertreibung an den Börsen. Das ist kein fairer Referenzwert. Und natürlich wird sich auch noch auf den DAX berufen. Auch das ist verkehrt, denn der DAX thesauriert Dividenden. Der DAX ist ein Performance-Index. Der DAX-Kurs-Index ist entscheidend, wenn man das allgemeine Kurs-Niveau an der Börse grob einordnen will, denn wir bezahlen an der Börse nicht vergangene Dividenden. Wir sind gerade einmal auf dem Niveau von 2007. 2014, als das Buch veröffentlicht wurde, sahen die Preise kaum anders aus als heute. Die wissen genau um den Unterschied zwischen Performance- und Kurs-Index, denn sie bezeichnen sich selber als studierte Ökonomen, also muss ich von einer bewussten Irreführung ausgehen.

Den Vogel schossen die ab mit einer Tabelle auf Seite 192 (im E-Book). Dort wird die Preisänderung dargestellt. Letzter Kurs von Aktien in Reichsmark: 161,78, erster Kurs in D-Mark: 30,53, Veränderung: -81,13 %. 1 kg Gold wurde mit 3600 RM pro Kilogramm veranschlagt und mit 3600 DM nach Einführung der DM, um festzustellen, dass das Gold nicht entwertet wurde und damit besonders sicher war.

Es gehört sich nicht, Reichsmarkpreise mit D-Mark-Preisen zu vergleichen. Das ist in etwa so, wenn man Yard und Meter vergleicht. Wissen Sie, warum die Engländer so schlecht beim Elfmeterschießen abschneiden? Die haben die längere Strecke. Die schießen nicht nicht aus elf Metern, sondern aus zwölf Yard Entfernung. - Auf dieses Argumentationsniveau begeben sich die Autoren.

Es gehört sich auch nicht, eine Extremsituation wie die Nachkriegszeit zu referenzieren. Außerdem war es auch verkehrt, den letzten Reichsmarkkurs für Gold, der natürlich auch durch Spekulation getrieben wurde, mit dem ersten Kurs in der neuen Währung zu vergleichen, als die Menschen noch gar kein Gefühl für die neue Währung hatten und nicht die Preisfindung damit sehr schlecht war. Die Autoren schreiben, dass es wieder zu einer Situation wie 2008/9 kommen kann. Da kann man auch beliebige Aktien hernehmen den Vergleich des Kurses vor und nach dem Crash vergleichen. Seriös wäre es gewesen, einen längeren Zeitraum zu betrachten. Aktien gingen ab, weil die Wirtschaft nun schon seit 1945 (also nun schon 71 Jahre) ungestört wirtschaften kann, ohne dass ein Bomber die Produktionsanlagen bedroht. Und Sachwerte mit echtem Nutzen wie Medikamente, Lebensmittel, Häuser und Fahrzeuge kommen in der Tabelle nicht vor. In der Tabelle gibt es nur Schuldtitel und Zahlversprechen, die tatsächlich unter Inflation und Währungswechsel leiden, sowie Aktien, die eine Wette auf die Zukunft sind. So viel Optimismus gab 1948 nicht. Mit anderen Worten: Es ist kein fairer Vergleich.

Friedrich und Weik zeigen mal wieder, dass sie Goldbugs sind. Das Buch  wurde wieder von "Bastei Lübbe" verlegt, bezeichnenderweise von der Sparte "Bastei Entertainment." Das Buch ist nicht einmal Infotainment, sondern Crashtainment. Wer die Ratschläge der Autoren annimmt, ist verloren. Der kauft Gold und nimmt nicht Teil am Vermögenswachstum der Welt, der ja nach wie vor vonstatten geht. Crash-Propheten sind schlechte Ratgeber. Und was die sich versprechen, dass die Politik beim nächsten Crash tatenlos zuschaut und keine Rettungen vornimmt, und damit den Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft risikiert, finde ich, ist ein verantwortungsloser Gedanke. Ich bin auch für Staatsferne, aber auch für eine gesunde Prise Pragmatismus. Ich bin sogar neoliberal. Die Autoren geißeln einerseits den "Neoliberalismus", wollen andererseits im Extremfall die Ideologie der Staatsferne hochhalten, anstatt pragmatisch zu helfen.

Ich bin schon gespannt auf "Kapitalfehler", dem nächsten Buch. Ich habe es mir in der Bibliothek vormerken lassen. Ich habe schon eine böse Ahnung, was mich da erwartet.

Kommentare:

  1. Na, ja wo sie recht haben die beiden, haben sie recht.

    "Seit 2008 sind Krisen unsere ständigen Begleiter.", , "Wir erleben seit 2008 einen epochalen Wandel." oder auch "Schon jetzt ist diese in der Geschichte einmalige und scheinbare Rettungsorgie eine beispiellose Serie von Vertragsbrüchen, Lug und Betrug.

    Karl-Uwe

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  2. Hallo lieber Couponschneider,

    bin sehr froh und dankbar für diesen Kommentar. Ich habe mir die Bücher zwar nicht komplett angetan, aber zumindest stellenweise gelesen. Darüberhinaus habe ich ein Interview mit den Autoren im Saarländischen Rundfunk und beim Finanzrocker gehört.

    Ich kann diese ewige Panikmache ebenso nicht ertragen. Immer wieder dieses Feindbild: Banken und Eliten. Wer dem widerspricht ist für die Autoren wahrscheinlich auch einfach nur ein Nutznießer des kranken Systems.

    Anlagevorschläge der Autoren, wie Whiskey, Mähdrescher oder Wald- bzw. Ackerland sollen ausschließlich Aufmerksamkeit erzeugen. Die praktische Umsetzung sieht dann wieder ganz anders aus und ist in dieser Form schlicht nicht möglich.

    Es gibt da wesentlich bessere Autoren, deren Meinung man ernst nehmen kann. Kritikpunkte am Wirtschaftssystem gibt es nämlich mehr als genug.

    Viele Grüße!

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  3. Ich habe das Buch gestern in der örtlichen Bücherei quergelesen. Im Prinzip alter Wein in neuen Schläuchen. Die Gefahren der Notenbankpolitik usw. wurden schon x-mal von weitaus renommierteren Autoren beleuchtet. Das Gold ein möglicher Sachwert ist, der im Krisenfall schützt, ist ebenfalls nicht neu und schaut man sich die Preisentwicklung an, dann hat der ein oder andere es bereits umgesetzt.

    Das Buch kann man sich sparen. An dieser Stelle ein Riesenlob an unsere Stadtbücherei. Wird viel zu wenig genutzt.

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  4. Ach immer die Crashpropheten, die vergessen nur immer zwei wichtige Fakte zu erwähnen.

    1.) Verliert man viel Geld, wenn man der Ratschlägen folgt und der Crash nicht eintritt, Gold bringt eben keine Rendite, man hat ggf. nur den Spekulationsgewinn.

    2.) Sachwerte sind natürlich die Lösung sein Vermögen über einen Crash des Finanzsystems zu retten, wenn es denn wirklich zu einem kommen sollte. Aber deren Preise sind durchweg schon sehr gestiegen, ob Immobilien, Kunst oder Oldtimer und vieles wird eben nur aus dem Grund gekauft um sich für den Fall der Fälle abzusichern. Aktien sind dagegen eher noch günstig und da immer mehr Geld auf eine beschränkte Menge an Sachwerten trifft, steigen deren Preise immer weiter, je mehr Geld die Notenbanken ins System pumpen. Wird die Geldmenge verringert und nach einer Währungsreform wäre das schlagartig und in hohem Mass der Fall, dann treffen diese Sachwerte auf eine viel kleinere Geldmenge und entsprechend purzeln dann die Preise.

    Das wird vor allem bei solche Dingen passieren, die eben vor allem als Absicherung für den Fall der Fälle gekauft wurden, denn warum sollte man diese danach weiter behalten? Dann wird wieder auf den Nutzen geschaut und da sieht es dann für alle Dinge die keine Rendite abwerfen sondern deren Unterhalt womöglich gar noch Geld kostet, sehr schlecht aus. Gold könnte besser als z.B. Oldtimer oder Immobilien abschneiden, aber nur wenn das Ereignis lokal ist, in einer globalen Welt ist dies aber eher unwahrscheinlich und daher dürften es dann an den Käufern in anderen Teilen der Welt mangeln die nötig wären um dessen Preis zu stützen.

    Auch Aktien werden leiden, einige Firmen könnten auch den Bach runter gehen, aber eine gute Streuung gehört ja immer zum Aktieninvestment und guten Unternehmen mit erfolgreichen Geschäftsmodellen und wichtigen Produkten werden weiter bestehen und auch weiter Geld verdienen und Dividenden bezahlen, deren Kurse werden sich dann also erholen, sobald die Wogen sich geglättet haben und die Aktionäre raus sind, die sich auch nur zur Absicherung eingekauft hatten. Die ersten Kurse nach so einen Ereignis sind dann ganz sicher nicht die relevanten, denn es können und werden gar nicht alle gleichzeitig ihre Sachwerte veräußern.

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