Samstag, 22. Oktober 2016

Wenn man nicht rechnen kann, kommt sowas raus.

Gestern las ich mit Erstaunen einen Kommentar von Bernd Kramer. Er fordert, die erste Klasse in der Bahn abzuschaffen. Ich fahre selber gerne mit der Bahn, halte sie besser als ihren Ruf, aber ich fahre immer mit der  zweiten Klasse, weil ich finanziell so gut nicht gestellt bin. Vielleicht ändert sich das in den nächsten Jahren.

Bernd Kramer behauptet, die zweite Klasse subventioniere die erste. Er liefert ein paar Zahlen:

1) Auslastung in der zweiten Klasse: 55,8 %, 2) Auslastung in der ersten Klasse: 38,6 %, 3) Anzahl der Plätze an der Gesamtanzahl: 16 %.

Die Zahlen lege ich fest: Man zahlt das 1,66-fache, wenn man in der ersten Klasse fährt. (Referenz: bahn.de, ICE-Fahrt von Hamburg nach Berlin, Normalpreis) Der Platzbedarf der ersten Klasse ist auch höher pro Sitzplatz. Pro Reihe gibt's nur drei Sitze statt vier, und der Sitzabstand ist auch größer, weshalb ich den Faktor 1,4 annehme; 4/3 wäre als Faktor zu gering. Wenn die erste Klasse 16 % aller Sitzplätze ausmacht, dann entspricht das ungefähr 22,4 % der Wagenfläche, die für Sitzplätze (ohne Bistro) freigehalten wird.

Es gibt p_ges = n Plätze im Zug, davon p1 = 0,16 * n für die erste und p2 = 0,84 * n für die zweite Klasse.

Was bringt die Kunden der ersten Klasse an Umsatz?

u1 = p1 * 0,386 *  1,66 * b.

b steht für den Preis in der zweiten Klasse. Der Umsatz in der zweiten Klasse beträgt also:

u2 = p2 * 0,558 * b


Ich schaue mir das Verhältnis u1/u2 an:

u1/u2 = (p1 * 0,86 * 1,66) / (p2 * 0,558)   //b weggekürzt

u1/u2 = (0,16 * 0,86 * 1,66) / (0,84 * 0,558) //p1 und p2 ersetzt und n weggekürzt

u1/u2 = 0,3088 / 0,4687 = 0,6588

u1 = 0,6588 * u2

Das heißt, der Umsatz in der ersten Klasse beträgt nur 65,88 % des Umsatzes in der zweiten Klasse. Daraus schlussfolgert Bernd Kramer, dass die zweite Klasse die erste subventioniert. Ich bin mir sicher, dass er sich diese Mühe nie gemacht hat, denn der entscheidende Schritt fehlt ja noch. Denn wer so weit analytisch vordringt, würde den letzten Schritt nicht vergessen.

Für die erste Klasse wird ja nur 22,4 % der Fläche gebraucht, aber sie liefert 39,7 % des gesamten Umsatzes. Und damit subventioniert die erste Klasse die zweite.

Wie kommt man auf die 39,7 %?

u1/(u1 + u2) = (0,6588 * u2)/(0,6588 * u2 + u2) = 0,397.


Bernd Kramer hat zwar eine starke Meinung, aber keine Ahnung. Das ist bei vielen Linken so. Einfach mal hinsetzen, ein paar Rechnungen anstellen, ist schon so viel verlangt. Sonst werfen Linke den  Unternehmen vor, Gewinnmaximinierung zu betreiben. In diesem Falle lautet der Vorwurf, die zweite Klasse subventioniere die erste, d.h. Verzicht auf Gewinn. Das ist schon seltsam.

Ob ich in den nächsten Jahren in die erste Klasse wechsle, wird sich zeigen. Den ersten Schritt habe ich bereits getan, indem ich die BC 50 der 2. Klasse gekündigt habe. Sie stellte mich vor die Alternative: 50 % vom geringeren Preis der zweiten Klasse vs. 100 % des höheren Preis in der ersten Klasse. Ich schlage der Bahn vor, dass man die BC 50 der zweiten Klasse auch in der ersten Klasse nutzen darf. Wie das?

Wenn 100 € der Preis in der zweiten Klasse ist, dann spart man mit einer BC 50 50 %, d.h. 50 €. Wenn der Preis in ersten Klasse für diesselbe Fahrt 160 € beträgt, dann sollte man diese 50 € auch sparen, wenn man eine BC 50 der zweiten Klasse vorlegt. Dann zahlt man nur noch 110 €. Das ist ganz einfache Mathematik und ich hätte es schon genutzt, wenn es heute schon möglich wäre. Stattdessen hat die Bahn die Kombinierbarkeit bei den Sparpreisen erhöht. Die Sparpreise sind ein unseliges Thema. In der BWL lernt man, dass Stammkundenpflege wichtig ist. Als Stammkunde und BC-Inhaber seit 16 Jahren erlebe ich häufig, dass andere Fahrgäste so viel billiger wegkommen als ich mit meiner BC 50.


Kommentare:

  1. Holger Kramer schreibt, dass sich die erste Klasse bei der Hamburger S-Bahn nicht gerechnet hat. Er schreibt nicht explizit, dass sie sich generell nicht rentiert.

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    1. Sie drehen leider die Fakten um. Bitte an das halten, was er wirklich geschrieben hat, auf welche Zahlen er sich stützt und was er fordert. Bei S- und Regionalbahnen gehe ich d'accord, aber Regionalverkehr ist nicht Fernverkehr. Er fordert aber die generelle Abschaffung der ersten Klasse und er erwähnt explizit auch die ICE-Züge.

      Ich habe aufgezeigt, dass sich die 1. Klasse rentiert. Wenn jemand mehr zahlen will, warum soll er nicht mehr zahlen? Die 1. Klasse subventioniert die 2. Klasse quer. Die kapitale Lüge, die er konstruiert hat: Die 2. Klasse subventioniere die 1. Klasse.

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  2. Ach, Couponschneider, regt Dich solcher öffentliche Dummschwatz wirklich so sehr auf, dass Du einem Herrn Kramer vorrechnest, wie man es wirklich betrachten sollte? (Ich kenn ihn überhaupt nicht - ist der irgendwie "wichtig"?)
    Die Forderung, ein höherpreisiges Produkt abzuschaffen, ist doch völlig albern. Da könnte man Windows auch vorwerfen, dass es sein Betriebssystem in verschiedenen Geschmacksrichtungen entwickelt hat (Home, Professional, Enterprise, UndWieSieAlleHeissen) und dass die Home-Version die Enterprise-Edition bei der Softwareentwicklung querfinanziert hat. Pöse, pöse! Ein Windows für alle!

    Ich würde ja sogar für die zusätzliche Einführung einer Holzklasse plädieren. Es ist ja allgemein bekannt, dass Käufer ungern das günstigste Produkt aus einer Produktreihe wählen, da sie ein klein wenig Extra schon gerne hätten, jedoch das Luxusmodell auch eher meiden. Die Tendenz geht damit zum mittleren Bereich der Produktpalette und hinterlässt beim Käufer das gute Gefühl, sich etwas mehr als das Minimum geleistet zu haben und dabei trotzdem ggü. dem Flagschiff etwas gespart zu haben.
    Jeder Verkaufsprofi geht so vor, wenn er einem Kunden z.B. eine Immobilie verkaufen will: Erst die Bruchbude zeigen, die dem Kunden nicht ausreicht, dann die Luxusvilla, die er sich nicht leisten kann und abschließend erscheint die folgende Besichtigung des Reihenhäuschen mit Garten als ideale Wahl.

    Im Grunde ist die Diskussion doch völlig albern. So ein Artikel erscheint heute bei SPON und morgen redet kein Mensch mehr darüber. Sofern man ihm nicht noch zusätzliche Aufmerksamkeit schenkt.

    Lieben Gruß
    Dummerchen

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  3. Ich habe meine Bahncard auch gekündigt und eine Bahncard 25 geholt. Mit den Sparpreisen fährt man eigentlich immer günstiger und mit der Bahncard 25 kosten diese auch nochmal 25% weniger. Geht mit der teuren Bahncard nur bei einer reinen Fernverkehrsverbindung. Warum auch immer.

    Die Bahn schießt sich durch solche Produktpolitik nur selbst ins Knie.

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  4. Der Text zur Abschaffung der ersten Klasse ist natürlich unfreiwillig(?) komisch.
    Mir erscheint es so, als habe ein Redakteur einem Praktikanten (dem Verfasser des Artikels) einfach mal ein spontan erdachtes Thema an den Kopf geworfen um sich einen Spaß daraus zu machen. Wie damals in der Schule im Deutschunterricht.
    Beim Lesen des Artikels fiel mir Rolf Dobelli ein:
    http://www.dobelli.com/wp-content/uploads/2011/06/Dobelli_Vergessen_Sie_die_News.pdf

    Man kann davon ausgehen, daß auch wenn es sich "nur" um die Bahn handelt es dort Controller gibt, die genau wissen ob und in welchen Zügen sich eine erste Klasse lohnt.
    Von daher ist die Veröffentlichung des Artikels für den Verfasser und auch Spon peinlich/disqualifizierend.

    Schönen Sonntag!

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    1. Eben, das denke ich mir auch, dass die bei der Bahn genau wissen, was sich lohnt und was nicht. Ich bin übrigens ein großer Bahn-Fan, freue mich über Stuttgart 21 genauso wie auf den ICE 4.

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    2. Dobelli mag ich und ich habe auch zwei Bücher von ihm. Dass er auch im Schweizer Monat veröffentlicht, ehrt ihn und ich fühle mich geschmeichelt, weil ich so ein intelligentes Magazin auch gerne lese, wenn auch nicht häufig, weil es ja aus der Schweiz kommt und in Deutschland schwer zu bekommen ist.

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