Dienstag, 1. November 2016

Keine Satire: Riesterjünger auf Youtube unterwegs

Tim Schäfer hat mal wieder die Riesterrente kritisiert. Infolgedessen habe ich den Youtube-Kanal von Tim Wolff entdeckt. Er ist Vermögensberater der DVAG. Das erste Video, das ich mir angesehen habe, möchte den Zuschauer überzeugen, dass Riester durchaus etwas für Besserverdiener wäre.


Ehrlich gesagt, war ich von den Zahlen anfangs auch beeindruckt, aber wo ist der Haken? Wenn man einen Fonds 35 Jahre monatlich mit 175 € bespart, der im Mittel 6 % bringt, dann sind das 240000 €. Bei einer Sparrate von 75 € sind es 100000 €.

Ein Riesterprodukt, das auf dem selben Fonds basiert, hätte vielleicht tatsächlich nur 200000 € und angenommen, die 100000 € wurden wirklich durch regelmäßige Anlage der 75 € erzielt. (Gibt's die wirklich? Kann man über die frei verfügen?)

Nun ist es aber so, dass wir der Fondssparer jederzeit über seine Fondsanteile verfügen kann. Der Endwert beim Fondssparers von 240000 € ist der Barwert, wenn die Rente angetreten wird. Das ist was reales. Der Riestersparer aber verfügt nicht über sein Fondsvermögen, denn ein pädagogischer Versicherungsmantel soll verhindern, dass er alles verkloppt. Maximal 30 % der 200000 € kann sich der Riestersparer auszahlen lassen, d.h. 60000 €. 60000 € und die 100000 € ergeben in der Summe 160000 € und das ist weniger als die 240000 €. Es bleiben also 140000 €, die in eine Leibrente verwandelt werden.

Bei der Hannoverschen kann man als 66-jähriger Mann eine Sofortrente für 140000 € kaufen, die einem 445 € pro Monat garantiert. Ist das gut? Nein, denn das entspricht gerade einmal 3,8 % p.a. des Anlagevermögens. Das ist lausig, denn es ist die durchschnittliche Dividendenrendite, aber die Dividende wäre nicht substanzverzehrend, während das Vermögen an die Versicherung abgetreten wird. Wer 140000 € in Anteilen eines ausschüttenden Fonds hat, der bekommt das ebenfalls raus und im Falle des Ablebens wird kräftig vererbt.  Wer an die Substanz geht, der kann sich sogar einen noch schöneren Lebensabend vom Fondsvermögen leisten, aber das geht nur, wenn es den Versicherungsmantel nicht gibt. Man weiß ja, welche irrealen Restlebensdauern prognostiziert werden. Bei der Berechnung einer Leibrente für einen 66-jährigen wurde auch nicht gefragt, ob Männlein oder Weiblein, oder ob Raucher oder nicht. Man nimmt einfach den Worst Case aus Versicherungssicht an.

Wer direkt den Fonds bespart und tatsächlich 240000 € in den Händen hält, könnte beispielsweise die 160000 € direkt entnehmen, aber immer noch mit 80000 € arbeiten. Die Dividenden würden fließen; ich  nehme typischerweise 4 % p.a. an. Das sind schon mal 266 €, aber mit Potential zur Steigerung.

Ich gehe auch vom Ideal aus, dass die Gebühren auch nicht allzu hoch ist. Bekanntlich lassen sich die Versicherer bei der Umwandlung des Fondsvermögens in eine Leibrente den Arsch noch einmal vergolden, denn der Kunde hat ja schon den Kopf in der Schlinge.

Ich habe aber auch ein Problem mit Fonds. Ich will mein eigener Fondsmanager sein und will dadurch die Kosten so gering wie möglich halten. Ich kann mit 8 % p.a. rechnen, langfristig. Tatsächlich habe ich eine Performance von etwas mehr als 10 % p.a. (vor Steuern) und etwas mehr als 9 % p.a. nach Steuern. 6 % wären mir zu wenig, weil das viel weniger als der Durchschnitt von 8 % ist.


Ich habe seinen Kanal etwas überflogen. Hier lässt er sich über den Vorwurf aus, dass Strukturvertriebe doch nur Schneeballsysteme oder Pyramidensysteme wären:


Seine Dialektik ist schon sehr billig. Schneeballsysteme seien verboten, also können DVAG oder eine x-beliebige Strukki-Bude kein Schneeballsystem sein. Logisch. Drogendealer und Zuhälter gibt's demzufolge auch nicht, weil Drogendealen und Zuhälterei verboten sind.

Seine Auslassungen zu Pyramidensystemen sind lächerlich. Offenbar weiß er nicht, was ein Pyramidensystem ist. Stattdessen schwafelt er über die Organisation von Unternehmen und Behörden. Er ist damit auf dem Holzweg; hätte er doch vorher noch einmal den verlinkten Wikipedia-Artikel gelesen. Man könnte glauben, es wäre Satire. Es ist es nicht. Der Titanic-Chefredakteur heißt auch Tim Wolff, aber der sieht ganz anders aus.

Ich kann mir gut vorstellen, dass jemand, der sich nicht mit der Materie auskennt und Finanzangelegenheiten lieber wegschiebt, auf so eine Type herreinfällt. Ich hatte ja das Glück, dass ich seit Ende meines Studiums jedem Berater aus Weg gegangen bin. Wer weiß, wie ich vor 8 Jahren darauf reagiert hätte. Wahrscheinlich hätte mich sein Gerede beeindruckt, ich hätte mich einlullen lassen und ich hätte sonst was unterschrieben.

Wie immunisiert man sich gegen Kritik? Man behauptet einfach, die Kritiker der Riesterrente stänkerten gerne. Unverbesserliche 15 % potentieller Riesterkunden seien Meckerer, Stänkerer und Moserer, die natürlich bevorzugt die AfD wählen:


Ist Riester gescheitert? Ich finde schon, weil es keinen substantiellen Beitrag zur Altersvorsorge leisten kann. Er bewertet Riester nur aus Verkäufersicht: Hauptsache, es sind genug Verträge verkauft. Seine Altersvorsorge dürfte gesichert sein, die seiner Kunden hängt am seidenen Faden.

Kommentare:

  1. Warum sind Dividendenausschüttungen kein Substanzverzehr? Die Dividende wird vom Kurs abgezogen. Eine Aktie, deren Kurs sich durch andere Einflüsse nicht mehr ändert, würde so sukzessive gegen Null gehen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Allerdings nur unter der Annahme, dass stetig mehr Dividenden ausgeschüttet werden, als Gewinn bzw. Cash Flow erwirtschaftet wird. Aktien eines solchen Unternehmens zu kaufen, wäre sicherlich unsinnig.

      Löschen
  2. Die Riesterrente ist kriminell! Punkt!
    Bevor man der Finanzbranche das Geld der Versicherten zuschanzt, sollte man die Freibeträge erhöhen, damit der Bürger frei entscheiden kann mit welcher Form der Kapitalanlage er für sein Alter vorsorgt.

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Couponschneider,

    danke für den Artikel. Eigentlich ist alles was man wissen muss, dass Fondsvermögen Sondervermögen ist --> sobald sich der Fonds in einem Versicherungsmantel befindet, wird das Sondervermögen der Versicherungsgesellschaft zugeschrieben. Wenn man dann noch bedenkt, wie angespannt die Bilanzen fast aller Lebensversicherer durch die Niedrigzinsphase sind, sollte man genau darüber nachdenken, ob man sich über Jahrzehnte an einen Versicherer binden will.

    Und der Renditevergleich von Tim Wolff hinkt gewaltig. Er kann bei seinen DVAG-Verträgen vermutlich durch die Bank mindestens 2 Prozent Kosten abziehen. Hinzu kommen die Kosten für die aktiven Fonds - wobei von den Sparbeiträgen durch die Beitragsgarantie nichts in den Fonds ankommt. Wer bei Riester seinen Kunden aktuell eine höhere Ablaufleistung als die Beitragsgarantie in Aussicht stellt, glaubt vermutlich auch noch an den Weihnachtsmann.

    Herzliche Grüße aus der Finanzküche
    Christoph

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaube, dass das nicht ganz richtig ist. Das Fondsvermögen einer fondsgebundenen Versicherung ist eben genau Sondervermögen und fällt somit NICHT in das Vermögen der Versicherungsgesellschaft. Bei Insolvenz des Versicherers fällt dieses Sondervermögen dann nicht in die Insolvenzmasse (im Gegensatz zu Versicherungslösungen mit klassischen Deckungsstock).

      Löschen
    2. Hallo Andreas,

      die Depotbank arbeitet in dem Fall im Auftrag des Versicherers. Daher wird das Sondervermögen der Versicherung zugerechnet. Allerdings haben im Konkursfall die Ansprüche der Versicherten Vorrang. Das Problem:

      Die Forderungen der Versicherten haben untereinander alle denselben Rang.

      Das Gesetz dazu:

      㤠77a Behandlung von Versicherungsforderungen

      (1) Bei Befriedigung aus den Werten des Sicherungsvermögens (§ 66 Abs. 6 und 6a) haben

      die Forderungen der Versicherten, Versicherungsnehmer, Begünstigten oder geschädigten Dritten, die einen Direktanspruch gegen das Versicherungsunternehmen haben, und
      Prämienrückzahlungsansprüche, wenn der Versicherungsvertrag vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens nicht zustande gekommen ist oder aufgehoben wurde,

      in Höhe des Anteils am Sicherungsvermögen gemäß § 66 Abs. 1a Vorrang vor den Forderungen aller übrigen Insolvenzgläubiger. Dabei sind die Bestände des Sicherungsvermögens nur so weit zu berücksichtigen, wie für sie die Zuführung zum Sicherungsvermögen vorgeschrieben ist (§ 66 Abs. 1 bis 4, 6a).

      (2) Untereinander haben die gemäß Absatz 1 bevorrechtigten Forderungen denselben Rang.

      Herzliche Grüße
      Christoph

      Löschen
    3. Ganz vergessen: Es handelst sich um das Versicherungsaufsichtsgesetz.

      Löschen
    4. Danke für den Hinweis. :-)
      Bei Riesterfondssparplänen wie z.B. der DWS oder fairr müsste dann aber ein Aussonderungsrecht gelten, da das Depot direkt auf den eigenen Namen läuft, oder?

      Löschen
  4. Ich habe (leider :) ) zwei Versicherungsverkäufer (DVAG und Wüstenrot) in meinem Bekanntenkreis und kann mit Sicherheit sagen, dass die selbst nicht die geringste Ahnung von ihren Produkten haben. Ihnen werden in Seminaren solange die Marketingsprüche reingehämmert, bis sie sie irgendwann selber glauben. Und niemand ist überzeugender als jemand, der den eigenen Stuss auch noch glaubt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Einen solchen Eindruck habe ich auch bei Tim Wolff.

      Ich kenne sogar eine ehemalige Angstellte der Allianz, die eine Sterbeversicherung abschloss. Jährlich gibt's bei Spiegel und Focus einen Artikel, in der 10 unsinnigsten Versicherungen vorgestellt werden. Da ist die Sterbeversicherung immer unter den Top 3.

      Löschen
  5. Ich habe mir das neue Buch Riester-Leaks auf Amazon zu Gemüte geführt. Grundtenor: In einzelnen Ausnahmefällen taugt es vielleicht was. Bei weit über 95% der Privatanleger, verdient aber letztendlich nur die Versicherung. Bei 16 Millionen Riesterverträgen auch vermutlich nicht schlecht.

    AntwortenLöschen
  6. "Man nimmt den Worst Case aus Versicherungssicht an" ist richtig. Muss auch so. Ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber das zuviel kalkulierte Geld fließt an den Versicherten zurück! Stichwort Risikoergebnis und Überschussbeteiligung. Auch gesetzlich vorgeschrieben.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe noch nie davon gehört, dass private Rentenversicherungen Rauchern Rabatte einräumen. Bei Lebensversicherungen wird so ein wichtiges Detail abgefragt, bei den Rentenversicherungen nicht.

      Überschussbeteilungen sind doch Käse. Da kann der Versicherer an den Zahlen drehen, wie er will.

      Wer für die Rente vorsorgen will, sollte Vermögen aufbauen, am besten mit Aktien. Ende. Schluss. Aus. Alles andere ist Käse. Wir haben doch schon eine staatliche Rentenversicherung, in die die meisten Leute einzahlen und aus der die meisten auch rausbekommen. Warum soll man eine weitere ähnliche Rentenversicherung dazugesellen? Manche haben sogar noch eine Betriebsrente. Das ist in etwa so, als hätte man drei Aktienpositionen: GlaxoSmithKline, Bayer, Roche. Fällt Ihnen was auf? Dreimal Pharmabranche. Daher ist es grundsätzlich falsch, neben einer existierenden Leibrente auf weitere Leibrenten zu setzen.

      Löschen
    2. Bei den Restlebensdauern reden wir über das Risikoergebnis des Versicherers, hier hat der Versicherer (im Gegensatz zum Zinsergebnis) keine Möglichkeit an den Zahlen zu drehen. Der verantwortliche Aktuar ist hier persönlich haftbar!
      Das Problem bei Lebensversicherungen ist nicht der kollektive Sparprozess (und damit das sinnvolle Konstrukt der Überschussbeteiligung), sondern die Höhe der Abschlusskosten (und die hohe Intransparenz im deutschen Markt). Insofern ist Ihre Schlussfolgerung richtig, dass zur Zeit ein individueller Vermögensaufbau über ETFs vorteilhafter ist. Dieser erfordert aber ein gewisses Maß an Finanzwissen und Disziplin...

      Löschen
  7. Ich kann die Strukkibuden auch nicht leiden aber ein Schneeballsystem ist das nicht. Es hat zwar die Form einer Pyramide, aber das ist in jedem Unternehmen und fast jedem System so. Die Frage ist wo das Geld her kommt. Entweder 1. von außerhalb des Systems, also von richtigen zahlenden Kunden. Oder 2. von innerhalb des Systems, von den unteren Schichten durch Aufnahmebeiträge, Mitgliedsbeiträge, kostenpflichtige Karrierestufen / Seminare, Mindestabnahme von Produkten etc. Punkt 2 wäre ein Schneeballsystem wobei diese Unternehmen oft den regulären Produktverkauf als Schein vorschieben, das eigentliche Geld wird jedoch durch die unteren Karrierestufen innerhalb des Systems verdient. Dies sehe ich jedoch bei der DVAG nicht. Hier wird ganz regulär Unsinn an Ahnungslose Kunden verkauft.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bitte einfach mal lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Schneeballsystem#Multi-Level-Marketing

      Dass die in der Hierarchie oben stehenden immer an den Prämien der geworbenen Untergegebenen partizipieren, ist sehr, sehr kritisch, gilt bei DVAG wie bei AWD.

      Mir war es aber nie ein Anliegen, zu klären, ob die Strukkibude DVAG ein Pyramidensystem ist oder nicht. Es Tim Wolffs Anliegen, diesen Verdacht aus der Welt zu wischen. Sein Argument war lächerlich: Viele Unternehmen seien hierarchisch aufgebaut. Und dieses Argument, diese Dialektik, kritisiere ich.

      Er reduziert Pyramidensystem auf die hierarchische Organisationsform. Aber Pyramidensystem meint ja explizit, dass Mitarbeiter angeworben werden, deren Verkaufserfolg ausdrücklich auch dem Werber direkt vergütet wird. Lesen Sie einfach mal den Wikipedia-Artikel.

      Löschen