Dienstag, 20. Dezember 2016

Das tapfere Couponschneiderlein

Es war einmal in einem nicht ganz so weit entfernten Land ein junger Mann mit Talent und Fleiß, der sich mit seinem Brotberuf zwar zufrieden, aber nicht ausgelastet fühlte. Und er wusste, dass er für das Alter vorsorgen musste. Er holte sich Rat beim Weber, er kaufte sich seine ersten Aktien und machte im ersten Jahr gleich 7 % Rendite. Er sagte sich, das müsse er der Welt mitteilen, wie einfach das mit den Aktien sei. Er nähte sich einen Wams und bestickte ihn mit: "7 % auf einen Streich", und begab sich so auf seine Missionsreise.

Nach ein paar Monaten wurde er sesshaft in einer neuen Stadt eines anderen Königreiches. Im neuen Umfeld kursierten Erfahrungsberichte über die Rentenriesen: Rürup und Riester. Das Couponschneiderlein konnte die größten Gefahren noch abwenden. Die neuen Kollegen konnten davon überzeugt werden, dass der Abschluss solcher Policen nichts bringt. Sich selbst hat er sich dessen auch noch vergewissern müssen. Die Rentenriesen bringen keine "7 % auf einen Streich".

Unbehagen bereitete auch die Strukki-Wildsau, die vorzugsweise in der Nähe von Universitäten und Studentenwohnheimen ihr Unheil angerichtet und alles verwüstet hatte. So manches Rosenbeet musste dran glauben. Neue jüngere Kollegen berichteten von ihren Terminen mit der Strukki-Wildsau. Das Couponschneiderlein konnte das schlimmste noch verhindern, indem er die Kollegen aufklärte. "7 % auf einen Streich"  war noch nicht überzeugend, aber immerhin wurde das Geld der Kollegen in Festgeld und Tagesgeld umgeschichtet.  Da war es schon mal sicher vor der Wildsau und den Rentenriesen.

Zu Höherem berufen, begab sich das Couponschneiderlein an den Hofe des Königs, um seine Dienste anzubieten, um eine Aktienkultur im Königreich zu verankern. Skeptisch schauten König und Berater: "7 % auf einen Streich will dieser hemdsärmlige Jungmann geschafft haben? Das soll funktionieren?" Der König sprach: "Wir werden dich anhören, aber du sollst uns zuerst einen Gefallen erweisen. Eine Strukki-Wildsau treibt ihr Unwesen in meinem Land. Erledige es und wir schenken dir Gehör."

Der Couponschneider zog von dannen, und überlegte sich, wie er die Wildsau erledigt. Eine Medienkampagne setzte der Wildsau bereits mächtig zu. Zusätzlich schnappte eine lispelnde Venusfalle zu und zu guter Letzt auch die Falle des Couponschneiders: die MIFA-Investmentfalle. Der Couponschneider wusste ja vom Altmeister Buffet: "Nichts kaufen, was Räder hat.", zudem wusste er um den Ruf von MIFA: "Mit MIFA fährt man nie verkehrt, weil MIFA überhaupt nicht fährt." Die Strukki-Wildsau, der Strukki-Betrieb längst eingestellt, verzockte ein paar Millionen und wurde handzahm dem König vorgeführt. Mittlerweile ist die Wildsau unter die Buchautoren gegangen.

Erstaunt schauten König und Berater, rechneten sie doch fest damit, der Couponschneider gänge dabei drauf. Der König hielt aber sein Versprechen nicht, sondern verlangte mehr: "Ein stolzes und aggressives Banker-Einhorn versetzt die Anwohner in Angst und Schrecken, mit Agios von 5 % und anderen unnötigen Gebühren. Bändige es, und wir werden dir Gehör schenken und dich reich belohnen."

Die Idee des Couponschneiders: Das Einhorn irgendwie locken, es beim männlichen Stolz packen. Er mietete eine Hostesse, die zu allem bereit war. Das stolze Einhorn, immer mit dem Horn voraus, tappte in die Falle, bezahlte der auf ihn angesetzten Hostesse Champagner, Schmuck und sogar ein Auto. Ein Schnappschuss zur rechten Zeit, das Einhorn war gesellschaftlich erledigt, seine Frau ließ sich scheiden und er war ruiniert. Der König staunte nicht schlecht, als der Couponschneider ein devotes Einhorn vorführte.

Aber  auch diesmal hielt der König sein Versprechen nicht. Ein letztes Problem müsse gelöst werden: "Seit vielen Jahren verwüsten zwei Rentenriesen das Land, indem sie das Kapital der Bauernschaft und der Bürger in die festverzinsliche Wertpapiere locken und mit unhaltbaren Rentenversprechen ködern. Viel Kapital liegt seitdem brach, viel Geld ist in ferne Königreiche abgewandert, die sich auch jeglicher Kontrolle entziehen und sich per Dekret entschulden können. Und dann sind da noch die Gebühren, die den Rentensparern zusetzen. Du sollst reich belohnt werden, mit Gold, dem Thron und meiner Tochter, wenn du uns von den Rentenriesen befreist."

Der Couponschneider ließ sich nicht beirren und überlegte sich eine List. Wie brachte er die Rentenriesen dazu, dass sie ein einander bekämpften? Der eine Riese hatte die Menschen in abhängiger Beschäftigung im Blick, der andere die Selbständigen. Was aber ist mit Menschen, die beides waren? Er brachte viele Menschen des Königsreichs zusammen, die einerseits abhängig beschäftigt waren, gleichzeitig aber ein Gewerbe betrieben. Einige gründeten neben ihrer Beschäftigung in der IT-Branche ein Start-up, viele aber betrieben ein Hobby wie Stricken, Häkeln und Töpfern, dessen Erzeugnisse sie über eBay verkauften. Die beiden Riesen stritten sich um diese Menschen, sie schlugen mit Keulen aufeinander ein. Der eine Riese, Riester, bekam die Keule direkt aufs Maul; so wurde das Gebiss total schief. Er jammerte und klagte weh, worauf Rürup meinte, das Gebiss hätte vorher schlimmer ausgesehen und Riester solle gefälligst dankbar sein. Riester war so erzürnt, dass er noch härter draufschlug. Rürup wehrte sich umso stärker und irgendwann erlagen sie ihren Verletzungen.

Der Rentenspuk war vorbei und kurz darauf begann es im, im ganzen Königreich zu blühen. Es waren die blühenden Landschaften einer Aktienkultur. Die Menschen erkannten, dass das direkte Eigentum an den Produktionsmitteln, d.h. an die Firmen, zu Wohlstand führt. Der Couponschneider ging zurück zum Königshof. Die frohe Kunde hatte sich bis dahin schon längst überall verbreitet. Der König wollte aber nichts von seinen Versprechen wissen.

Der Couponschneider aber war in der Zwischenzeit nicht tatenlos. Er hatte  seine Aktienpositionen immer weiter aufgestockt. Durch die wiedererstarkte Aktienkultur stiegen die Aktienkurse und er wurde zu einem reichen Mann. Politische Macht bedeutete ihm nichts. Als Aktionär bei Großunternehmen aus dem Bereich der Ölförderung hatte er die politische Führung ohnehin im Griff. Und ihm war eine tatenlose Regierung lieber als eine aktionistische. Er ließ dem König seinen Thron. Die Tochter des Königs war aber derartig angetan, dass sie sich vom ihren Vater und der politischen Macht lossagte und sich dem Couponscheider an den Hals warf.

Sie heirateten, bekamen Kinder, gingen der Arbeit nach, die ihnen Spaß machte, schnitten fleißig Coupons und engagierten sich lokal, organisierten Kammermusikabende und dergleichen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Kommentare:

  1. Lieber Couponschneider,
    das ist wirklich eine schöne Geschichte! Und wie schön, dass es am Ende dann doch mit der Prinzessin geklappt hat!

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  2. Hallo Couponschneider,

    ich gratuliere zu deiner gelungenen und etwas anderen Darstellung der Geldanlage.

    Vielleicht gibt es demnächst ja ein Spin-Off zum grundsätzlichen Umgang mit Geld und der Absicherung durch Versicherungen...;-)

    Schöne Grüße
    Marco

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  3. Eine wirklich gute Geschichte.
    Ich bin begeistert, wie erfindungsreich und interessante Beiträge in letzter Zeit auf den unterschiedlichen Blogs erscheinen.
    So ist das Thema Finanzen auf gar keinen Fall trocken und öde.

    Schöne Grüße
    Dominik

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