Samstag, 10. Dezember 2016

Justins Spaziergang auf dem Börsenparkett

Ich möchte die Leser nicht die neuesten Entwicklungen im Fall Justin vorenthalten. Wer schon etwas länger auf meinem Blog mitliest, kennt Justin schon. Er ist eine anonymisierte  Realperson. Der Finanzwesir nannte ihn den "Alpha-Kevin unter den Geldverbrennern".

Was war passiert? Der Kollege hörte natürlich interessiert zu, wie ein anderer Kollege und ich uns über die Börse unterhielten. Natürlich positiv, weil die Dividenden flossen, das Depot prall gefüllt war und man Justins Luxuskarosserie für 40000 € mit Cash bezahlt könnte, das alleine aus Kurswachstum und Dividenden finanziert worden wäre. Dass wir so gut sind, hat auch etwas mit unserer Sparquote zu tun; dann kann man mehr Holz ins Feuer tun, d.h. diversifizieren und lange halte, weil man auf das Geld nicht angewiesen ist.

Also hat Justin bereits vor einem Jahr ein Depot eröffnet und gleich mal eine Aktie gekauft, die ich nicht kannte und ich wusste auch nicht, wie sich die Firma schreibt. Wenn man nicht weiß, wie die Firma geschrieben wird, sollte man auf der Hut sein. Die Aktie ging in den Keller. Nun traut er sich nicht zu verkaufen. Er hat genug von der Börse und wartet immer noch auf die Gelegenheit, zu verkaufen. Darauf wartet er seit Februar. Die gute allgemeine Entwicklung an der gesamten Börse seit Februar, und gerade jetzt auch noch nach der US-Wahl, hat sich bis zu seiner Aktie nicht herumgesprochen. Die liegt wie Blei im Depot.

Das ist typisch für Justin: Ohne groß nachzudenken, werden einfach so mal Aktien gekauft. Dass ich mein Geld mehr oder minder erfolgreich anlege, ist ja das Ergebnis eines stetigen Nachdenk- und Bildungsprozesses. Schon an der Uni habe ich eine Vorlesung über Investitionsrechnung besucht, habe als Berufstätiger viele Finanzbücher gekauft bzw. ausgeliehen und gelesen, mindestens 30 Bücher an der Anzahl (Kosto, Kommer und Konsorten).

Selbst ein Buch über Finanzmathematik verschmähe ich nicht. Manche bekommen ja Muffensausen, wenn sie die - zugegebenermaßen wenig komplexen - Formeln in dem Buch sehen. Und ich besuche vielleicht nicht den sonntäglichen Gottesdienst, aber die Predigten von Tim Schäfer (der "Spar-Punk") lese ich immer. Er hat die "Liturgie des Sparens" zur Meisterschaft gebracht.

Wenn es so einfach wäre, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen, dann könnte das ja jeder machen. Eigentlich ist es noch einfacher: Man sollte nur kaufen. Natürlich Qualitätsaktien. Man kauft die Firmen, die die Konsumgüter herstellen, nach denen alle gieren. Apple, Coca Cola, Pepsi, Henkel, Procter & Gamble, Nestlé... Einfach in die Einkaufswagen der Hausfrauen im Supermarkt schauen, Hersteller feststellen, sich ein Bild von den Aktien machen, eventuell kaufen und fertig. Dann lässt man das liegen, für mindestens zehn Jahre.

Justin war oberflächlich wie eh und je; Nachdenken war noch nie seine Stärke. Er wird demnächst 33 Jahre alt. Das mit der Börse war eine genauso unstete Idee wie der Kauf des Motorrads, das in der Garage herumgammelt. Vorher die Hälfte des Jahres, mittlerweile ganzjährig, weil er sein schickes Luxusauto kutschieren muss.

Justin hat ja seinen Ruf in der Abteilung weg. Über seinen Autokauf haben alle den Kopf geschüttelt. Andere gleichaltrige Kollegen haben ja an Reife zugelegt und sich lieber eine billige Karre gekauft. Justin aber fährt ein Protzauto, als wäre er Anfang 20.

Eine Besserung aber hat sich ergeben: Er hat seiner Hausbank den Laufpass gegeben. Vorher hat er alles unterschrieben, was sie ihm hingelegt haben, beispielsweise Kfz-Haftpflichtversicherung zum dreifachen Preis des Marktüblichen, eingefädelt von der Hausbank.

Aber ganz ehrlich: Über so leichte Beute wie Justin freut sich jeder Bankangestellte. Die sehen, mit was für einen Auto er vorfährt, schauen auf sein Kontostand und wissen sofort, dass er nicht aufs Geld schaut und jeden Quark unterschreibt. Die sehen sofort, dass er nach dem Motto lebt: "Über Geld redet man nicht. Geld hat man." - Dieses Sprichwort wird ja vor allem von Unter- und Mittelschichtlern benutzt, die demonstrativen Konsum betreiben, um sich nicht die Blöße zu geben. Kluge Menschen nehmen den Wettlauf um die Statussymbole gar nicht erst auf. Kluge Menschen kaufen eher die Aktien der Firmen, die die Statussymbole herstellen, wie z. B.
  • Apple
  • Coca Cola. Der Unterschichtler will mit einer River-Cola nie gesehen werden. Felsenfest ist er davon überzeugt, dass Coca Cola besser schmeckt als alle anderen Cola-Getränke.
  • Red Bull (statt eines Billig-Energy-Drinks, ist aber keine AG)
  • Mercedes, BMW, Audi
Andere Verhaltensweisen hat er beibehalten. Neulich ertappte ich ihn, wie er Apfelsaft wegschüttete. Ungeöffnet, aber einen Tag über den Mindesthaltbarkeitsdatum. Seinen täglichen Soft-Drink kauft er immer noch bei der Tankstelle, anstatt kostengünstig im Voraus und in größeren Behältnissen. Sein Kollege, der "dicke Dirk", ist mittlerweile davon geheilt und kauft sich 1,5-Liter-Flaschen mit Soda.


Kommentare:

  1. Erster Satz,
    würde es nicht eher heissen "ich möchte den Lesern.....nix für ungut, aber Sie legen ja bei Anderen auch Wert auf sowas..
    Glückwunsch zum Depotstand, beachtliche Leistung! Geht dann nächstes Jahr so weiter :)

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    1. Liest sich in der Tat merkwürdig :)

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    2. Hat ja auch Justin geschrieben. Ein Gastbeitrag.

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  2. Also Coca-Cola schmeckt wirklich besser ;)

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  3. Erster Satz, Dativ und nicht Akkusativ

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  4. Weniger Israel, weniger Politik. mehr Justin!!!!
    Ich würde mich sehr freuen, wenn Du deine Läster-Reihe ein wenig ausbauen würdest.

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  5. Der Justin aus meinem Bekanntenkreis hieß Erkan, fuhr nen X5 und hatte 3 Smartphones inkl. Verträgen...

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  6. Da ist noch mehr...
    "die sehen, mit was für einen Auto er vorfährt" "schauen auf sein Kontostand"
    "ungeöffnet, einen Tag über den Mindesthaltbarkeitsdatum",
    ehrlich, Couponschneider, ich würde mal ein Grammatik-Lehrbuch konsultieren.

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