Dienstag, 27. Dezember 2016

"Millionärsformel": Alter Wein im kaputten Schlauch

Auf Youtube wurden mir in letzter Zeit häufiger Interviews mit Carsten Maschmeyer angeboten. Wer Carsten Maschmeyer nicht kennen sollte: Er war Gründer des AWD und man zog ihn als "Drückerkönig" vor wenigen Jahren durch die ARD-Manege. Meines Erachtens zu recht, denn Strukturvertriebe bringen der Kundschaft recht wenig und die Methoden innerhalb eines Strukturvertriebes sind schon recht zweifelhaft. Dort wird ihnen kompliziertes Zeug aufgeschwatzt, das eigentlich intellektuell nicht durchdrungen wird, es sei denn, man ist mathematisch recht gut beschlagen. Carsten Maschmeyer, auch als Ungeheuer von Loch Masch verschrien ("Maschi"), ist durch seinen Strukturvertrieb zum Multimillionär wenn nicht gar zum Milliardär geworden.

Worum geht es denn in den Interviews? Er hat ein Buch veröffentlicht: "Die Millionärsformel". Untertitel: "Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit". In den Interviews gibt er sich vernünftig, geläutert, wartet sogar mit guten Anmerkungen auf. Das ist der Grund, weshalb ich mir das Buch zu Gemüte gezogen habe. Die Stadtbibliothek hatte es als eBook vorrätig.

Positiv finde ich, dass er betont, wie wichtig das Sparen ist, dass man sich die kleinen Dinge (Coffee to go etc.) spart und anlegt. Aber sonst bin ich dann doch enttäuscht, dass er dann so ein banales Zeug zu Papier bringt. Er erläutert die Wirkung  des Zinseszinses anhand von zig Tabellen; mit den Formeln dafür aber hält er hinterm Berg.  (Ich kenne sie, aber es wäre gut, wenn jeder Leser sie nach dem Lesen des Buches kennt.)

Das Buch ist durchzogen mit Motivationsgequatsche: "Fangen Sie jetzt an!", "Nur eine Vision, die wirklich visualisiert wird, kann zum Magneten werden[...]" Und natürlich geht er mit Beispielen hausieren, um zu zeigen, wie man zur ominösen Million kommt. Er nennt auch Rezepte: Aktien, empfiehlt aber in alter Strukki-Tradition Fonds, denn dort würden "Experten" das Portfolio verwalten. Geradezu irrwitzig ist es, dass auch er noch Riester, Rürup und Wohnriester empfiehlt. Die Förderung beim Wohnriester solle man sich entgehen lassen. Generell empfiehlt er, keine staatliche Förderung liegen zu lassen. Strukki halt. Seine "Millionärsformel" enthält die "staatliche Förderung" als Faktor, ich zitiere aus seinem Buch:

{[Gehalt + Einkommenssteigerung - Ausgaben = Reichtumsbasis] + staatliche Förderung } x Rendite x Zeitdauer = Wunschvermögen

Damit erweist er den Lesern einen Bärendienst. Wer in der Vergangenheit auf staatliche Förderung setzte bzw. auf staatliche Privilegierung, der wurde hinterher enttäuscht, egal ob Kapitallebensversicherung, private Rentenversicherung, Betriebsrenten, Filmfonds und Schiffsfonds. Der Staat hat immer das Gesetz im Nachhinein zu seinen Gunsten geändert. Es mussten dann sogar Steuern rückwirkend nachgezahlt werden.

Und das macht das Buch unglaublich schlecht, weil falsch. Mich erinnert das an den folgenden Witz: Der Broker ruft bei seinem Kunden: "Ich empfehle Ihnen, IBM aufzustocken." - "Was? Ich wollte eigentlich verkaufen." - "Auch nicht schlecht!" Auch wenn Maschmeyer nichts mehr durch "Finanzdienstleistungen" verdienen sollte, so merkt man ihm den Strukki immer noch an. Da ist einerseits das, was er empfiehlt: Hauptsache es fallen Gebühren und Provisionen an, andererseits benutzt er Strukki-Deutsch: "Sobald Sie Ihre Einstellung zum Reich- oder zum Noch-reicher-Werden optimiert haben[...]" - Da wird mir blümerant.

Immerhin empfiehlt er das Sparen und dann habe ich einen ganz konkreten Spartipp für Sie: Sparen Sie sich das Geld für dieses Buch, aber auch die Zeit. Ich habe nichts bezahlt, aber ärgere mich dennoch, dass ich Zeit aufgewandt habe. Der praktische Nutzen tendiert gegen null. Er bietet keine Orientierung, wenn er alle komischen Finanzprodukte gleichermaßen empfiehlt, auf Risiken von Immobilien gar nicht eingeht und die schwache Rendite von Gebührenfressern wie Aktienfonds überhaupt nicht erwähnt.

Da gibt es bessere Bücher. "Der reiche Mann von Babylon", der Motivation wegen. "Auf eigene Faust", der praktischen Hinweise und der Motivation wegen. Wegen der Mathematik sollte man sich ein Fachbuch zur Finanzmathematik besorgen, z. B. "Einführung in die Finanzmathematik". Oder lesen Sie Finanzblogs. Sein Buch beschert vor allem einer Person zusätzliches Einkommen und Vermögen: dem Autoren. Sein Buch wird ja auch überall plakatiert; das konnte ich heute sehen, als ich mit der S-Bahn fuhr. Der Strukki verkauft sein Buch generalstabsmäßig. Das macht ihn zu Deutschlands Generalfeldstrukki.

Kommentare:

  1. Danke für die Wahrnung. Ich hätte mir das Buch eh nicht gekauft, da ich den nicht mag. So spare ich mir das Lesen.

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  2. Ich habe mir gleich gedacht, dass da nichts hintersteckt. Ein reißerischer Titel und sonst nichts.
    Die besten Bücher, die ich bisher über das Investieren las, sind Aktien für die Ewigkeit und Überlegen Investieren jeweils von Jeremy Siegel. Für alle, die erste Börsenschritte gemacht haben und die Grundbegriffe wie KGV, Dividendenrendite, etc. verstanden haben, meinerseits uneingeschränkt zu empfehlen.

    Gruß,
    Marco

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