Sonntag, 2. Juli 2017

Deutschland im Antisemitismusstreit

Deutschland ist mittendrin in der Antisemitismusdebatte. Wer sich im Dunstkreis von "Achse des Guten", "Tapfer im Nirgendwo" oder auch "Lizas Welt" bewegt und informiert, ist nicht überrascht.

Was war passiert? Arte und WDR ließen einen Film über Antisemitismus produzieren, der dann im Giftschrank landete. Die Bild-Zeitung zeigte ihn dann doch und "Das Erste" hat am 21.06.2017 nachgezogen und den Film gezeigt, eingebettet in Fußnoten und mit anschließender Maischberger-Diskussion. Hier ist der Film, an dem sich die Diskussion entzündet hat:



Zum Film: Mir hat er nur wenig neues gezeigt, aber für viele weniger Informierte dürfte es schwer aufstoßen, dass nun "Israelkritik" als antisemitisch gilt. Das ist ja immer wieder das verbreitete Gerücht, dass man Kritik an Israel nicht pauschal mit Antisemitismus gleichsetzen dürfe. Aber macht das jemand? Es gibt Literaturkritik, es gibt eine Filmkritik, es gibt eine Musikkritik und es gibt die Israelkritik. Allen vier gemein ist, dass eine Leidenschaft vorausgesetzt wird, um als entsprechender Kritiker durch die Lande zu ziehen. Der Umstand aber, dass es keine Jordanienkritik und auch keine Ägyptenkritik gibt, sondern Israel das einzige Land der Welt ist, das eine Kohorte von Israelkritikern nach sich zieht, ist Zeugnis einer antisemitischen Obsession, der man auf den Grund gehen muss. Kritik an Israel sollte man immer auf antisemitische Denkmuster abklopfen.

Das hat der Film getan, ich fand ihn deshalb exzellent und bin da in guter Gesellschaft u.a. mit Götz Aly, Michael Wolffsohn und natürlich Henryk M. Broder. Der Film demaskierte die selbstgerechte Kritik an Israel als antisemitische Obsession, von der weite Teile der Gesellschaft betroffen sind, beispielsweise Günter Grass, der Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden deklarierte. Israel! Nicht Russland, nicht Nordkorea, nicht Pakistan, nicht Saudi-Arabien und auch nicht Syrien. Nein, Waffen-GG pickte sich auchgerechnet den jüdischen Staat heraus. Natürlich kokettierte er damit, dass man das nicht laut sagen dürfe, aber er sagte es in der Süddeutschen Zeitung. Ein Widerspruch in sich.

Das Gebahren rund um die Ausstrahlung bestätigte, dass der Film recht hat; der Finger wurde in die offene Wunde gelegt. Ein sogenannter Faktencheck reibt sich vornehmlich an Petitessen. Drei Beispiele:

Filmtext:

Vieles sieht hier aus wie in anderen islamischen Ländern, manches sogar besser. Die Fakten. 74 Jahre ist die Lebenserwartung eines Gaza Bewohners, höher als in Ägypten, der Ukraine und 125 weiteren Staaten. Die Kindersterblichkeit ist auf dem Niveau von der Türkei und damit niedriger als in 97 anderen Staaten, viele davon in Lateinamerika, wie beispielsweise Brasilien. Auf 360 Quadratkilometern leben 1,8 Millionen Menschen. Das entspricht durchschnittlich 5.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. In Paris leben mehr als 21.000 Menschen pro Quadratkilometer.

Anmerkungen dazu:

Hier wird der gesamte Gaza-Streifen mit Paris-Stadt verglichen. Der Gazastreifen ist 360 Quadratkilometer groß. Paris-Stadt hat nur eine Fläche von rund 105 Quadratkilometern. Gaza-Stadt hat eine Fläche von 45 Quadratkilometern. Dort leben 12.202 Einwohner pro Quadratkilometer. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Film angegeben.

Meine Meinung dazu: Was ist daran verkehrt, den ganzen Gaza-Streifen mit Paris zu vergleichen? Warum muss sich ein Ballungsraum an Stadtgrenzen halten? Der Faktencheck unterschlägt, dass die Autoren sich gegen Behauptungen von Israelkritikern wendete, die Gaza als Konzentrationslager oder Freiluftgefängnis bezeichnen.

Filmtext:

Palästina, 1920er Jahre. Die britische Kolonialmacht ernennt Mohammed Al-Husseini zum Mufti von Jerusalem. Kurz darauf wird er zum Führer der palästinensisch-arabischen Bewegung, erhält finanzielle und militärische Unterstützung von Hitler und Mussolini.

Anmerkungen dazu:

Mohammed Al-Husseini wurde 1921 zum Mufti ernannt. Bis zu den großen Unruhen ab 1936 war er pro-britisch eingestellt. Erst in diesem Jahr, 15 Jahre nach seiner Ernennung, initiierte er das Hohe Arabische Komitee, das sich für die Unabhängigkeit von den Briten einsetzte.
Im selben Jahr suchte er die Unterstützung von Mussolini gegen die Briten. Erst 1937 gab es die ersten Kontakte zur deutschen nationalsozialistischen Regierung, die sich ab 1940 intensivierten.
Der Kommentartext vermittelt hingegen den Eindruck, als habe es bereits seit den 1920er Jahren eine entsprechende Allianz zwischen Palästinensern und europäischen Faschisten gegeben.
Meine Meinung dazu: Das ist eine Korinthenkackerei sondergleichen. Tatsächlich entsteht der Eindruck, es hätte bereits in den 20ern eine Allianz zu Hitler und Mussolini bestanden; das streite ich nicht ab. Aber ändert sich das Wesen der Dokumentation, wenn man diese Aussage unmissverständlich getätigt hätte?

Filmtext:

In Frankreich werden das erste Mal auch Synagogen angegriffen. Am 13. Juli 2014 ziehen wütende Demonstranten zur Don Isaac Synagoge in Paris. Nur wenige Polizisten sind vor Ort. Während sich die Gläubigen in der Synagoge Stundenlang voller Angst verbarrikadieren, versuchen Mitglieder der jüdischen Gemeinde das Gebetshaus mit Stühlen zu verteidigen. Sie werden von den Antisemiten in die Flucht geschlagen, der wütende Mob umzingelt die Synagoge. Nur dank der nachrückenden Spezialkräfte der Polizei kann ein Blutbad verhindert werden. In der bürgerlichen Presse wird man danach den Juden vorwerfen, sie hätten provoziert. Wehrhafte Juden sieht man in Europa nicht gerne. Für viele französische Juden war dieser Tag eine Zäsur.

Anmerkungen dazu:

Unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die das Gebetshaus mit Stühlen verteidigt haben, waren auch Jugendliche der Jewish Defense League. Dies ist eine Organisation, die in den USA als terroristische Vereinigung erfasst wurde und auch 1994 von Israel als Terrororganisation definiert worden ist. Jugendlichen dieser Organisation wurde in diesem Zusammenhang seitens der Presse vorgeworfen, sie hätten provoziert.

Logisch: Wenn jemand provoziert, dann der Jude. Wie denn? Der Jude provoziert allein dadurch, dass er da ist und deshalb sind die Demonstranten so zielstrebig auf die Synagoge losmarschiert. Eigentlich spielt es keine Rolle, dass darunter auch Leute von der Jewish Defense League gewesen waren, denn auch diese Leute haben das Recht, sich zu verteidigen. Und die restlichen Juden sowieso. Mich erinnert das irgendwie an die Diskreditierung der ukrainischen Freiheitsbewegung, mit dem Hinweis auf die Swoboda, mit der Absicht, glauben zu machen, das wäre ausschließlich Swoboda. Dies ist keine Gleichsetzung von Swoboda und JDL, sondern ein Vergleich der Diskreditierungsversuche berechtigter Anliegen, einerseits das Streben der Ukraine nach Westen, andererseits das Wehren der jüdischen Bevölkerung gegen Angreifer.

Der Faktencheck kritisiert nicht, er bekrittelt unterschiedlichste Dinge. Der WDR geht mit "groben handwerklichen Mängeln" hausieren, die sich aber als Bagatellen herausstellen. Mitunter stellt der Faktencheck seinen Antisemitismus selber unter Beweis, indem er Aussagen von NGOs in Zweifel zieht, nur weil sie vor allem von amerikanischen Juden finanziert werden. Das Eröffnen von tausend Nebenkriegsschauplätzen durch die Kritiker des Filmes zeigt mir, dass der Film richtig liegt.

Auch Norbert Blüm gefällt der Film nicht. "Er [der Film] folgt der Logik der Rache.", hat er in der Maischberger-Sendung gesagt. "Er dreht eine Spirale des Hasses." - Das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen, denn wie können Tatsachenbeschreibungen der "Logik der Rache" folgen?

Ich bin mittlerweile auf der Hut, wenn jemand etwas fordert, ein Essay oder ein Film habe "ausgewogen" zu sein. Wie irre das ist, kann man sehen, wenn man das auf die Sportberichterstattung überträgt. Wenn der FC Bayern gegen die Rumpelfußballer des HSV antritt, dann wird das eine ziemlich einseitige Seite, mit einem Chancen-Verhältnis von 20:3. Man wird nicht alle Chancen zeigen können, also muss man Abstriche machen. Was heißt nun ausgewogen? Zeigt man 3 Chancen des FC Bayern und 3 des HSV? Letzendlich läuft es darauf hinaus, wenn man die Forderungen der Israelkritikern bzgl. der Berichterstattung ernst nähme. Tatsächlich ist es sogar, dass die Medien uns auftischen wollen, dass der HSV drückend überlegen war. Das sieht man daran, dass wochenlang nichts über Israel berichtet wird, aber sobald Israel sich wehrt, gibt's den Bericht in der Tagesschau.

Es interessiert nur die Wahrheit und die Wahrheit darf nicht zugunsten irgendwelcher Stimmungen, die erzeugt werden können, unter den Tisch fallen. Die Holocaust-Dokumentation wurde in den 70ern auch gezeigt, obwohl sie auf Ablehnung stießen. Hat Blüm auch damals gerufen: "Diese Dokumentation folgt der Logik der Rache."

Und ob Blüm Antisemit ist, kann sich jeder selbst beantworten. Der Herz-Jesu-Sozialist schafft es, Israels Verhalten während eines Massaker der Milizen der christlich-libanesischen Phalangisten an sogenannten "Palästinensern" zu kritisieren. So viel Chuzpe muss man haben! Diese Phalangisten, die eigentlichen Massakrierer, sind nicht nur in Blüms Glaubensverein, sondern sind Mitglied der Christlich Demokratischen Internationalen. Und welche Partei ist da auch noch drin? Richtig, die CDU. Hätte Blüm Verständnis, wenn Kassam-Raketen auf die Stellungen der Phalangisten abgefeuert würden? Sicherlich nicht. Aber die Raketen auf Israel rechtfertigt er so. Und damit ist Blüm aus meiner Sicht ein Antisemit. Auch wenn er jüdische Freunde in Israel hat. Ich habe keine, nicht mal in Deutschland. Nur mal so am Rande.

Die Zusammenstellung der Maischberger-Sendung war aber auch schon ein Gruselkabinett und es ist typisch, dass die Gäste, die den Film gut fanden und auch mit Kompetenz zum Antisemitismus sprechen konnten, in der Minderheit war.  Eine zweite Diskussion war sogar noch viel unfairer zusammengesetzt.

Das Problem des Antisemitismus ist gravierender, als ich gedacht habe; das hat die Dokumentation ganz unfreiweillig gezeigt. Die Reaktionen des Medienzirkus sind höchst aufschlussreich. Anstatt sich inhaltlich mit den Film auseinanderzusetzen, verschanzt man sich hinter seine sehr abstrakte Position, der Film hätte "handwerkliche Mängel". Das ist das typische Ausweichverhalten eines Ertappten, egal ob es sich bei Ladendiebstahl, Steuerhinterziehung, Falschparkens oder Antisemitismus handelt. Ein aufgeklärter Mensch würde seine Denkweise überprüfen und abklopfen, welche Kritik an Israel antisemitisch motiviert war. Ich selber stand Israel mal überwiegend kritisch gegenüber, wenngleich niemals mit der Obsession eines Norbert Blüms oder Jürgen W. Möllemanns. Antisemitismus hat eine jahrtausende alte Tradition und die steckt kulturell in uns. Das lässt sich nicht so leicht abschütteln. Bei den Deutschen gibt's ja noch weitere Ereignisse in der Vergangenheit, derer sie sich nicht immer bewusst sind, die aber ganz entscheiden das Handeln und Denken prägen. Das wäre einerseits der 30-jährige Krieg, der die Deutschen immer wieder dazu bringt, die Unfreiheit zugunsten der Ordnung und des Friedens immer wieder in Kauf zu nehmen, andererseits ist es die Hyperinflation von 1923, die geradezu eine groteske Sorge um das Geld und dessen Werterhalt nach sich zieht. Und mit dem Antisemitismus ist es genauso. Warum wird abgestritten, dass sich da etwas unbewusst in Form von unqualifizierter Kritik an Israel manifestiert? Und was wäre so schlimm daran, den eigenen Antisemitismus anzuerkennen?

Kommentare:

  1. Sehr gut recherchierter Artikel.
    Für gut informierte war Film nur eine Bestätigung der längst bekannten Geschehnisse in Deutschland.
    Antisemitismus in D. soll entschiedener bekämpft werden!
    Für WDR und arte war es ein Armutszeugnis , diesen Film noch chr. zeigen zu wollen!
    Bin voll deiner Meinung!

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  2. Top Blogartikel, vielen Dank dafür!

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  3. Norbert Blüm war mir nie geheuer, er befindet sich ungefähr auf dem gleichen Level wie der zerknitterte alte Anzug mit den überdimensionierten Schulterpolstern von Heiner Geißler.

    Aber das Blüm derartiger Nazi ist, ist mir erst seit der Doku und anschl. Diskussion bewußt.
    Vielleicht sollte man alle deutschen Politiker zum Thema Israel philosophieren lassen - da würde mir bösen schwanen.

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  4. Ein Nazi ist er wohl nicht. Man muss kein Nazi sein, um Antisemit zu sein.

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  5. Ja, war falsch ausgedrückt von mir.

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  6. Sehr toller Artikel, sollen nur mehr Menschen lesen und verstehen können

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